
Kona im Triathlon Fieber
Es herrscht geschäftiges Treiben am Flughafen Kona auf Big Island. Triathleten aus aller Herren Länder überfluten die Insel. Sie kommen, weil sie die Besten aus den vorangegangenen Qualifikationsrennen sind. Die Profis, genau wie die ‚Age Grouper‘. Sie haben ihr Equipement und ihre Familie als privaten Fan Club dabei. Sie sind top in Form und bereits im ‚Kona-Fieber‘.
Mitten drin – wir! Top vorbereitet und qualifiziert als ’spectator‘!
Die IRONMAN World Championship 2019 lädt ein. Das Städtchen Kailua-Kona auf Big Island gibt sich ganz und gar seinen Triathleten hin. Es ist geschmückt mit Bannern und Fahnen. Die Vorbereitungen für die Rennstrecke, der Aufbau der Absperrungen und Tribünen sind bereits Tage vorher in vollem Gange.
Wir tun, was getan werden muss! Als wahre ‚World Champonship Spectators‘ besuchen wir die Merchandising-Messe, kaufen Shirts, BaseCap und Renntrikot. Wir wandern die Straßen von Kailua-Kona auf und ab, inhalieren die Atmosphäre, ziehen im Angesicht der durchtrainierten Menschen, die uns auf ihren Aerobikes in Tri-Suites oder laufend in Rennhöschen entgegenkommen, den Bauch ein.
Da allerdings unsere sportliche Performance nicht annähernd für eine Qualifikation ausreicht, müssen wir uns mit dem legendären ‚Coffee Boat Swim‘ zufriedengeben. Für uns ein ‚amazing fun‘, ein ‚Must‘ für jeden Athleten und deren Supporter und genau die richtige Einstimmung. In dem Trubel, der hier wie Musik, die man immer ein wenig lauter stellt, stetig anschwillt, ist der Coffee Boat Swim eine wahre Entspannung:
Als Zuschauer hat man in Kona wenig Möglichkeiten den Schwimmstart der Athleten zu erleben. Man kann an den Absperrungen stehen um den Athleten, sobald sie aus der Wechselzone kommen, zujubeln.

Mir reicht das nicht! Ich will nicht einfach „nur“ Zuschauer sein. Ich will näher ran, mitten rein. Ich gehe mit schnellem und bestimmtem Schritt – als sei ich hier im King Kamehamea Resort – schon tausend Mal gewesen – voran. Andy hinter her. Room #6. „You wanna sign up?“, „Yeah! You still need volunteers. Swim/Bike Transition?“. „Okay, here you go…, your shirts, your batches. See you tomorrow morning 5.30!“ So schnell kann es gehen!
Auch wenn man das denken mag, Kailua-Kona ist nicht die Geburtsstätte des IRONMAN. Es ist Oahu! 1978 hatten ein paar verrückte ‚Marines‘ die Idee sich miteinander messen zu wollen.
Damit es nicht zu einfach werden sollte, legten sie drei bereits exsistierende Sportveranstaltungen zusammen: Den ‚Oahu Rough Water Swim‘ (2,4 Meilen), die ‚Around Oahu Cycling Race‘ (115 Meilen) und den Honolulu Marathon (26,21 Meilen). Der Mitbegründer dieser Idee, Commander John Collins formulierte damals das „Mantra“, welches heute noch jede Frau und jeder Mann zu hören bekommt, sobald die Ziellinie überschritten wird.
You are an IRONMAN!
Andy und ich haben unseren Dienst als ‚Volunteer‘ um 5:30am pünktlich gestartet. ‚As we are German, we are punctual, well organized and proper prepared‘! Andy im ‚Transition Tent Men‘ und ich im ‚Transition Tent Women‘. Es gab alle Hände voll zu tun, bevor die Athleten aus dem Wasser kamen: ‚Cold Towels‘ bereitstellen, Getränkebecher füllen, ’sunsreen‘ und Vaseline griffbereit halten. Eiswürfel holen, Eimer tragen, Stühle zurechtstellen und dann… als Belohnung den Schwimmstart aus nächster Nähe beobachten! Erst kommen die Profis dran, dann die ‚age grouper‘.
Die hawaiianischen Gesänge und die traditionellen Trommelspiele bringen die Spannung, die in den Minuten und Sekunden vor dem Startschuss immer dichter wird, bis in die Magengrube hinein.

Es wird ganz still und dann, dann mit dem Kanonenschuss schießen sie los, die Helden des Triathlons. Erst die Männer, fünf Minuten später die Frauen. Sie wühlen sich wie Schaufelräder durchs Wasser und wir verfolgen sie johlend mit den Augen.
Jetzt haben wir etwas Zeit, bis „unsere“ Profis zurückkommen. Wir schauen noch bei den ‚Age Groupern‘ zu, als sie starten. Sie sammeln sich gruppenweise vor der Startlinie, welche Surfer mit ihren Brettern bilden und warten gespannt auf ihr Startsignal! Auch sie werden mit dem gleichen Gesang und Trommelspiel in ihren Schwimmstart hinein begleitet. Ich frage mich: „Wenn schon das Zuschauen vom Kailua-Pier aus so ein Gänsehaut-erzeugendes Erlebnis ist, wie muss es dann für diese Amateurathleten im Wasser sein?“ Es liegt etwas ganz Ehrfürchtiges in der Luft.
Swim-Bike-Transition
Voller Demut und Bewunderung kehren wir zurück in die Zelte, um uns auf unsere Aufgabe zu konzentrieren. Andy erzählt:
„Es geht los. Die ‚Pros‘ kommen in die Wechselzone. Es ist gleich ein ganzes Knäuel von Athleten. Der erste ist Jan Frodeno und direkt hinter ihm Patrick Lange. Kienle hat ca. 4min. Rückstand“.
Bei den Frauen ist es ganz ähnlich. Lucy Charles-Barclay flitzt ins Zelt. Eine Volunteer hilft den Swim Suitauszuziehen und unterstützt bei den routinierten Handgriffen. In Windeseile ist sie schon wieder draußen.Dicht gefolgt von Lauren Brandon, dann Erin Sosdian.Anne Haug kommt mit fast fünf Minuten Rückstand zu Lucy ins Zelt. Ich bin die Volunteer, die ihr mit dem SwimSuit hilft. Sie ist angespannt. Ich auch!
Die Wechselzeiten der ‚Pros‘ liegen zwischen gefühlten zwanzig Sekunden und zwei Minuten. Alles geht rasend schnell und schon sind sie wieder draußen!
Im ‚Men’s Tent‘ füllt es sich derweilen. Die ersten ‚Age Grouper‘ kommen aus dem Wasser, schnappen sich ihren Wechselbeuten und rennen ins Zelt. Die Jungs sind teilweise hektisch bis panisch. Schnell den nassen Swim Suit aus. Das ist schon weniger einstudiert als bei den Profis. Man kommt sich vor wie bei einer Massenpanik, alle rennen in unterschiedliche Richtungen, man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Irgendwann sind alle draußen und es herrscht wieder Ruhe im Zelt. Man findet nur noch die Hinterlassenschaften der einzelnen Triathleten. Brillen, Badekappen, Gels.
Im ‚Women’s Tent‘ startete der ‚Age Grouper‘-Ansturm deutlich später. So konnten wir Volunteer-innen die männlichen Athleten auf ihrem Lauf ins Wechselzelt anfeuern. Dieser Umstand erlaubte mir im Übrigen auch den Einlauf von Jan Frodeno ins Wechselzelt zu filmen.
Logisch, dass es bei uns im Frauenzelt nicht ganz so hoch herging, wie im Männerzelt. Von den 2250 Teilnehmenden waren ca. 30% Frauen. Trotz dieser Tatsache, waren beide Wechselzelte gleich groß und mit gleich vielen Helfern, Stühlen und Toiletten ausgestattet. Die Athletinnen kamen am Schnürchen herein. Es gab einen Peak, an dem es ziemlich hektisch und unübersichtlich wurde. Swim Suit runterziehen, Beutel leeren und die Utensilien (Helm, Radschuhe, Socken, Startnummernband, Gels, Salztabletten, Sonnenbrille….), je nachdem, was die Athletinnen brauchten. „How can I help you?“, war unsere Standardfrage. „Ok, I’ll have your helmet here, you care for your gels!“, „Do you want me to put your gels into your jersey pocket?”, “You want sunscreen?” “YES!” und wir schrien: “Sunsreeeen! Here, we need Sunscreeeeen!”, dann flitze eine Helferin mit Sonnencreme herbei und cremte die Athletin ein. Alle Wechsel-Utensilien wieder zurück in den richtigen Beutel packen. Beutel an Beutelbeauftrage weitergeben oder werfen. Zack, zack. Hand in Hand!
Jede einzelne Athletin wurde von uns mit Applaus „Yeaaaah! You are great. Juhuuuu, have a great race!“ aus dem Zelt verabschiedet. Die Stimmung im Zelt war ‚thrilled, even electric‘!
Bike – Run – Transition
Der zweite Wechsel, also vom Rad auf die Laufstrecke, erlaubte uns Helfern eine längere Pause. Wir konnten im Zelt wieder „klar Schiff“ machen und uns ein wenig ausruhen. Es war sprichwörtlich die Ruhe vor dem Sturm.
Für den folgenden Blog-Beitrag möchte ich mich bei meinem neuen „Gast-Autor“ Andy bedanken, der die Berichterstattung als Augenzeuge aus erster Hand aus dem Männerzelt übernimmt. Quasi eine Live-Übertragung:
Wir stehen in den Startlöchern und warten auf die Profis. Ich höre schon das Gejohle von draußen. Sie kommen! Alles steht parat. Sonnencreme, Vaseline, eisgekühlte Tücher.
Jan Frodeno kommt, wie zu erwarten, als erster ins Zelt. Er setzt sich auf den Stuhl genau vor mir! Ich war überrascht und glücklicherweise geistesgegenwärtig und fragte ihn: „Möchtest Du ein kaltes Tuch? Und Sonnencreme?“ Jan war, trotz dieser Stresssituation sehr entspannt und antwortete höflich: „Ja, gerne!“
Ich lege ihm das eisige Tuch auf Schultern und Nacken und creme ihm die Arme mit Sonnenmilch ein. Als er wieder aufsteht, bittet er noch um Eiswürfel. Ich stecke sie ihm in den Lauf-Suit. Er bedankt sich und läuft aus dem Zelt zu seinem Sieg!
Ich hatte einen gestressten Sportler erwartet, aber im Gegenteil. Er erschien mir sehr entspannt und fokussiert.
Es dauert eine Weile bis seine Verfolger eintreffen. Sie sehen schon etwas angespannter aus… kann man ja verstehen! Dann ist erst einmal eine Weile Ruhe im Zelt. Die nachfolgenden ‚Age Grouper‘ brauchen ja etwas länger!
Dann aber bricht eine Armada von Triathleten über uns herein. In ihren Beuteln sind teilweise unendlich viele Sachen. Wie nach einem Großeinkauf: fünf Riegel, sechs Gels, teilweise in kleinen Kühltaschen verpackt. Allein das Gewicht der ganzen Teile macht sie schon chancenlos.
Ich sehe alle Arten von Typen. Meist durchtrainierte Körper, aber auch dünne oder kräftige Männer. Einer fällt mir besonders ins Auge. Er hat Krampfader wie Nürnberger Rostbratwürste. Ein anderer hat sogar eine Pizza dabei, die er mit einem Helfer genüsslich teilt.
Besonderen Respekt habe ich vor den zuletzt ankommenden Age Grouper zwischen 60 und 80 Jahren. Sie setzen sich in aller Ruhe hin und ziehen sich um. Ab und zu kommt ein jüngerer Nachzügler, der sich völlig gestresst und gehetzt umzieht und versucht seine Sachen zu ordnen. Begleitet vom gnädigen Kopfschütteln der „alten“ Helden. Die wissen nun mal wie das hier abläuft und Stress hilft da nicht weiter!
Manche dieser erfahrenen Herrschaften haben alle Zeit der Welt ihre – ja, wirklich – Schiesser-Feinripp-Unterwäsche anzuziehen. Man erkennt bei diesen Menschen worum es ihnen bei diesem Wettkampf geht: Finishen, sonst nichts!
Equipment ist auch so ein Thema! An manchem Triathleten kleben mehrere Hundert bis Tausend Dollar Ausrüstung. Da ist das Aero-Bike noch gar nicht mitgerechnet. Es gibt auch Athleten, die verlassen sich auf ihre trainierten Fähigkeiten. Ein Mann, der vor mir sitzt und mit einer Rolle Klebeband vor meiner Nase herumfuchtelt, bittet mich ihm zu helfen. Seine Radschuhe sind so alt und kaputt, dass sie mit einem schwarzen Klebeband zugehalten werden müssen. Da kommt man schon ins Grübeln, ob die Ausrüstung nicht doch überschätzt wird…?! Sonst wäre dieser Athlet wohl kaum nach Kona gekommen. Respekt!
Für das Wechselzelt der Frauen kann ich sagen, dass es nicht ganz so hektisch zu ging. Die Profis waren schnell. So schnell, dass man als Helfer kaum reagieren konnte. Lucy Charles-Barclay kam als erste vom Rad ins Zelt. Sie war ruhig und konzentriert, setze sich kurz, zog die Laufschuhe an, sortierte sich und lief unter unserem tosenden Applaus aus dem Zelt.
Dicht gefolgt von Lauren Brandon und Anne Haug, die mit wenigen Sekunden Abstand nacheinander ins Zelt kamen. Anne Haug hatte sich zwischenzeitlich vom 6. Platz beim Schwimmen auf den 3. Platz nach dem Rad vorgearbeitet.
Die Age Grouper Damen strömten bald darauf ins Wechselzelt. Manche waren noch topfit und relaxed, andere den Tränen nahe! Manche waren in Sekundenschnelle fertig für den Marathon, andere zogen sich von Kopf bis Fuß neue Klamotten an. Ich habe Blasen verarztet, verletzte Füße getapt, Arme und Beine mit Sonnenmilch eingerieben. Ich habe versucht auf hektische und aufgeregte Athletinnen beruhigend einzureden: „Take your time! You’re doing awesome. All good, calm down.“ Kälte Tücher, Sunscreen, Wasser und Eiswürfel gehörten auch hier zum Helfer-Repertoire.
Leider habe ich es nicht geschafft, obwohl ich nach ihr Ausschau gehalten hatte, eine Triathletin mit der Startnummer 646 (Heike Dieteren) aus Bensheim, meiner Geburts- und Heimatstadt, zu begegnen. Ihr gilt mein besonderer Respekt, weil sie es im Alter von 60 Jahren geschafft hatte, eine Qualifikation für Kona zu bekommen! Auch eine Heldin….!

Es fiel uns schwer unseren Platz an die nachfolgende Helferschicht abzugeben, obwohl wir schon zwei Stunden länger als geplant im Zelt geackert hatten. Als wir aus dem gesicherten Bereich draußen waren, hatte Jan Frodeno gerade die Siegerbanderole durchschritten. Aus dem Lautsprecher ertönte:
Jaaaaan Frrrrooodeenoooo, you’re an IRONMAN!






























