Week #26

Wenn der März kommt, bin ich weg!

Wer mag kann die doppeldeutige Überschrift auch als politische Aussage werten. Für eine kleine Stippvisite, zurück in Deutschland, schlägt mir nicht nur das regnerische, klamm-kalte Wetter, sondern auch die heimischen Politmisere ins Gesicht.

Jetzt ist Sabbat-Halbzeit. Ich freue mich auf Freund(e), Familie, liebe Kollegen. Auch ein paar private Dinge erledigen. Steuererklärung abgeben (muss auch sein!). Koffer umpacken für die zweite Halbzeit. Jetzt warten wieder maßlose, großzügige 26 Wochen voller Entdeckungen und Überraschungen auf mich. Ab März bin ich in Bella Italia! Erst Rom, dann Südtirol.

Noch in USA, auf den Spuren meiner Herkunft, habe ich einen Ancestry-Test, also einen DNA-Test, durchführen lassen. Nun weiß ich, dass genau 17,2% italienisches Blut in mir schlummert. Mal schauen, was passiert, wenn ich dieses knappe Fünftel in mir aktiviere.

Vielleicht eine Römerin…?

Bella Italia

Rom – ahhhh, Roma! Die ewige Stadt. Das Freilichtmuseum mit morbidem Charme. Die Stadt der Liebe. Die Hochburg des ‚Dolce Vita‘. Gelato e Cappuccino.

Versteckte Schönheiten hinter jeder Mauer

Diesmal tauche ich unter erschwerten Bedingungen ein. Ich spreche die Landessprache nicht. Kein Italienisch, kein Zugang zu Land und Leuten! Was heißt das? Das heißt, ich werde wohl Italienisch lernen müssen. ‚Madonna…!‘ Das wird etwas!

Mit diesem aufgeregten Kribbeln im Bauch, der reinen Vorfreude und Entdeckungslust, packe ich gerade meine Koffer.

Wie wär‘s mit einem Kurztrip?

Apropos Koffer packen: Wer hat Lust mitzukommen? Einmal kurz Rom schnuppern? Ich „verlose“ ein kleines Genuss- Wochenende für eine Person. Entweder am 03.04.-05.04.2020 oder am 08.05.-10.05.2020. Zwei Übernachtungen – Einzelzimmer mit Frühstück – in meinem kleinen Appartamento in der Villa Paganini.

Ihr müsst nur drei kleine, einfache Fragen beantworten:

1. Was bedeuten die Buchstaben SPQR auf römischen Kanaldeckeln?

2. In welchem Jahr wurde Rom gegründet?

3. Nach wem wurde die Stadt Rom benannt?

Melde sich, wer Lust und Zeit hat, über Patricia.Seeliger@gmx.de oder PN über Facebook. Ich freue mich, den römischen Spaß mit Dir zu teilen!

Buona fortuna!

Week #22

Let’s talk about ‚Health‘, Baby!

Der Tagesablauf hier hat einen gewissen „Healing Effect“. Ich schlafe viel, bin träge. Bleibe abends zuhause. Gehe früh schlafen. Ernähre mich gesund. Am Vormittag sorge ich meist für meine Bewegung. Gehe am Strand spazieren. Mache meine Gymnastik. Gehe Schwimmen. Fahre Rad. Gehe ins Yoga. Lass es mir gut gehen.

Die letzten zwei Wochen hat mich das Thema „Gesundheit“ besonders umgetrieben. Nach fast sechs Monaten ‚Power-Relaxing‘ im Sabbatical, viel Bewegung und Rückengymnastik, ging es mir richtig gut. Kaum Schmerzen. Dann hat mich letzte Woche mein Übermut eingeholt. Ich dachte, ich könnte es mal wieder mit etwas ‚Joggen‘ versuchen. Nach ca. einem Kilometer war Schluss. Der alte, fiese Schmerz kam zurück. Mist! Ich lag sieben Tage flach. Mit Frust, Voltaren und Wärmefläschchen.

Die Superzahl „7“

Wolke Sieben 😉

Die Sieben ist übrigens eine faszinierende Zahl. Dass die Sieben meine Lieblingszahl ist, ist nichts Besonderes. Fragt man zehntausend Leute nach ihrer Lieblingszahl, dann landet die Sieben mit 10% der Befragten mit Abstand auf Platz 1. Das liegt daran, dass wir die Sieben mit so vielen Dingen verknüpfen. Sieben-Tage Woche. Sieben Kontinente. Die Sieben Planeten in der Antike. Wir packen unsere sieben Sachen. Wir fürchten die sieben Todsünden. Lesen in Büchern mit sieben Siegeln. Verliebt, landen wir auf Wolke Sieben oder im siebten Himmel. Und wenn wir es eilig haben, dann sind wir in Siebenmeilenstiefeln unterwegs. Die moderne Wissenschaft bestätigte unlängst, dass die aus der Bibel bekannten sieben fetten und sieben mageren Jahre tatsächlich einem bestimmten Wasserstandzyklus des Nils entsprechen.

Die Superzahl Sieben zeigt sich in meiner bescheidenen Existenz auf andere Weise. Ich habe sieben Jahre lang gespart, um mir dieses Sabbatical zu leisten. Nach meiner Rücken-OP habe ich mir, nachdem es nach zwei Jahren nicht geklappt hat, sieben Jahre Zeit gegeben, um wieder vollständig gesund zu werden. Für mich eine „life changing decision”. Ich habe nur nicht immer die Geduld durchzuhalten. Da traf ich Heysoon…

Heysoon und die sieben Chakren

Schöner Unbekannter am Strand in Warrier II Pose

Diese Woche war ich, wie jede Woche im Yoga Kurs des YMCA-Sportclub. Dort traf ich Heysoon, die ausnahmsweise als Vertretung der bisherigen Yoga-Lehrerin, die Stunde übernommen hatte. Der Yoga-Raum ist groß. Es sind mindestens 30 TeilnehmerInnen da. Jung, alt. Dick, dünn. Frauen und auch Männer.

„My name is Heysoon. I am 75 years old. I’m teaching Yoga and Pilates since many, many years”. “What?“, denke ich laut, „75 Jahre?“, nicht zu glauben. Sie ist asiatischer Abstammung, ‘skinny’ und scheint den Körper einer 35-jährigen Sportlerin erhalten zu haben.

Während sie die sieben Chakren aufzählt und ausgewählte Übungen anleitet, läuft sie zwischen den Amateur-Yogies herum, korrigiert den einen oder die andere. Mit ihrem zart ausgeprägten asiatischen Akzent wirkt sie witzig: „You know, evely teacher has a different style. So don’t wolly. I will only teach a few things….”. Sie läuft an mir vorbei. Korrigiert meine Haltung. Mir fällt ihr Sport-Trikot auf. Auf dem Ärmel vorne und hinten die amerikanische Flagge. Auf der Rückseite irgendetwas von ‚World Champion… Dings‘, ‚Gold-Medal‘ und ein paar Jahreszahlen. Ich kann es nicht entziffern. Sie ist schon wieder zu weit weg.

Heysoon redet mit klarer Stimme auf uns ein. Heute konzentriert sie sich auf unser ‚Muladhara-Chakra‘ und ‚Svadhistana Chakra‘. Was mir gerade wegen meiner Rückenschmerzen sehr entgegen kommt. Solange bis unser Chakra ausbalanciert und die Asanas richtig sitzen. Wir biegen uns zwischendrin zum ‚Downward-facing Dog‘, dehnen uns in die ‚Cobra‘, wieder zum ‚Dog‘, dann zum ‚Frog‘. Um irgendwann, schließlich unsere Vollendung im ‚Warrier I-III‘ zu finden.

Ich bin beeindruckt von Heysoon. Von ihrer Kompetenz und herzlichen Strenge, mit der sie jede Feinheit der Ausführung beobachtet. Nach der Stunde spreche ich sie an, ob sie bereit wäre mir ein „Personal Training“ zu geben. Ich habe die Hoffnung, dass sie mir Tipps für meine Rückübungen geben kann. Wir verabreden uns.

If I can do, you can do it, too!

Zuhause google ich sie. Ich will wissen, was es mit dem Schriftzug auf ihrem Sport-Trikot auf sich hat. Das Rätsel löst sich schnell: Heysoo Lee. US-Bürgerin koreanischer Abstammung. 75 Jahre. Altersklassen-Athletin der US Triathlon Nationalmannschaft. 6-fache Goldmedaillen-Gewinnerin in einer der Disziplinen Triathlon, Duathlon oder Aquathlon. Ihre „Gold-Karriere“ beginnt im Alter von 60 Jahren. Ihre jüngste Goldmedaille holt sie in der Altersklasse zwischen 70-74. Zugegebenermaßen ist in dieser Altersklasse die Zahl der Konkurrentinnen nicht mehr sehr hoch. Dennoch, Hut ab!

Bildcollage Heysoon Lee, USAT Florida Veröffentlichung 2015

Wir treffen uns drei Tage später in einem Gymnastikraum des YMCA-Club. Sie erzählt mir ein wenig von sich. Von ihrer späten Sportlerkarriere und warum sie den Sport liebt. Ihre Augen blitzen frech. Ihre Körpersprache ist energetisch. Sie kommt direkt und fokussiert auf einige Dinge zu sprechen, die ich ausprobieren und trainieren kann, um meine Schmerzen dauerhaft loszuwerden zu können.

Tipps & Tricks von Heysoon – voll digital!

Sie hebt den Zeigefinger in die Luft: “If I had only one word for Yoga, it’s flexibility. If I had only one word for Pilates, it’s stability. You, you need stability!”

If I had one word for Yoga, it’s Flexibility.

If I had one word for Pilates, it’s Stability.

You need Stability!

Heysoon Lee

Sie zeigt mir verschiedene Pilates-Übungen. Erklärt mir genauestens die Ausführung, damit ich gezielt die richtigen Muskeln treffen kann. Ich bekomme spezifische Literatur-Tipps und lande schließlich im Swiming-Pool des Sportclubs zum einstündigen Water-Run.

Jahrelang habe ich mich durch die sieben Chakren gebogen und kam nie auf die Idee Pilates zu machen. Genauso wenig wie ich an ‚Water Run’ dachte!

Water Run: Langweilig, aber effektiv!

Heysoon kennt das Drama von andauernden Rückenschmerzen und hat die Hürde genommen. Sie ist der gleichen OP entgangen, die ich habe vor drei Jahren durchführen lassen.

“If I can do, you can do it, too!”. “Ha, ha, wohl kaum”, denke ich. Wettkämpfe sind für mich vorbei. Sie meinte natürlich nicht, dass ich eine Goldmedaille gewinnen könnte ;-). An mir ist, weiß Gott, keine Sportlerkarriere verloren gegangen. Aber sie spricht mir Mut und Zuversicht zu: „Practice every day. Meditate five minutes every morning. And keep your mind up!“

Nach knapp zwei Stunden trennen sich unsere Wege wieder. Sie flitzt aus dem Gymnastikraum und hinterlässt mich zwar etwas ungläubig, aber hoch motiviert.

Week #20

Bäcker können etwas, woran andere scheitern. Sie können anpacken und haben Fingerspitzengefühl. Sie kennen das Geheimnis der Zubereitung von deftigen Roggensauerteig und krossem, krustigen Brot. Sie sind technisch begabt. Jonglieren mit Gewichten, Maßeinheiten, Temperaturen und Zeiten. Sie balancieren mit Hefepilzen und Milchsäurebakterien. Ein Handwerk, was sich für mich immer als Kunstwerk erwies. Früher, als mein Vater seinen ersten Beruf lernte, war das leider etwas anders. Bäcker zu Sein war nichts Besonderes und gesellschaftlich auch nicht sonderlich anerkannt. Ein Lehrberuf der viel abverlangt und meist keine besonderen Entwicklungsmöglichkeiten bietet. In dieser Geschichte kam es jedenfalls anders.

Der Bäckerlehrling

Mein Vater war 13 Jahre alt, als er seine Bäckerlehre in einer Bäckerei in Worms begann. Sein Vater, mein Großvater Fritz, war Bäckermeister. Mein Urgroßvater sogar Bäckerobermeister. Es war üblich, dass der Sohn nicht im elterlichen Betrieb lernen sollte. Also sucht man ihm eine Lehrstelle in einer anderen Stadt. 

Für meinen Vater ein vorgezeichneter Weg, der sich durchaus anbot. Denn weiterhin die Schulbank drücken, machte ihm keine Freude. Zwei Jahre lang lebte er als Bäckerlehrling in einer kleinen Dachmansarde bei seiner Lehrfamilie. Die Familie behandelte ihn gut. Er bekam ausreichend zu Essen und wurde freundlich in die Familie aufgenommen. Von Montagfrüh bis Samstagnachmittag verrichtete mein Vater seinen Dienst. Fünf Mark Wochenlohn stand ihm dafür zu. Damit fuhr er am Wochenende mit der Bahn nach Hause in den elterlichen Bäckerbetrieb nach Lorsch.

Außer ihm selbst und dem jungen Lehrvater, gab es noch den Senior in der Backstube. Der ‚Alte‘ war streng und ungeduldig. Schon morgens trank er einen Schoppen Wein. Im Laufe des Tages war er meist betrunken. Dann wurde er besonders ungerecht, schimpfte meinen Vater aus und drohte ihm Schläge an.

Mein Vater war immer ein guter Arbeiter. Wollte seine Aufgaben richtig machen. Freute sich, wie jeder andere, über Lob und Anerkennung. Jeden Morgen um vier Uhr in der Früh ging es los. Er schlüpfte in die mehlstaubigen, karierten Bäckerhosen. Zog das Baumwoll-T-Shirts und die Bäckermütze an.

Nachdem er angelernt wurde, konnte er die Handgriffe und Routinen selbständig erledigen. Es war immer der gleiche Ablauf. Tag ein, Tag aus. Zuerst wurde der Sauerteig des Vortages ‚eingemehrt‘. Dann wurde der Ofen hoch geheizt. Zuerst kam die ‚weiße Ware‘, also die Brötchen und Kaffeestückchen dran. Dann das Brot. Weißbrot, Rogen-Misch und was sonst so gekauft wurde. Und wenn das Tageswerk erledigt war, machte er sich ans Aufräumen und Putzen. 

Es war früher Nachmittag bis alle Handgriffe erledigt waren. Danach stand das Ausfahren der Lieferware auf der Aufgabenliste. Mit dem Fahrrad und einer ‚Kiepe‘ auf dem Rücken, radelte er die Backwaren zu den Kunden. Abends fiel er todmüde in sein Bett. Denn am nächsten Morgen sollte der Wecker schon wieder bimmeln.  

An einem Nachmittag im Frühherbst kam der ‚Alte‘ in die Backstube, um wie immer seinen Kontrollgang zu machen. Er hatte immer etwas auszusetzen. Mein Vater ließ die gewohnten Meckereien über sich ergehen. Doch diesmal war es anders. Der Alte kam wieder einmal betrunken in die Backstube. Er war sofort auf Hundertachtzig. Irgendetwas hatte mein Vater wohl falsch gemacht. Aber bevor ihm klar wurde, worum es ging, ging der Alte, den ‚Schießer‘* in der Hand, auf ihn los. Er drohte ihm Prügel an und jagte ihn durch die Backstube. Man kann sich leicht vorstellen, dass mein Vater mit seinen knackigen 15 Jahren flink und wendig war. Der Alte verfolgte ihn um die Arbeitstische herum. Mein Vater wich aus, rannte durch die schmalen Arbeitsgänge zwischen den Tischen. Rechts. Links. Rund herum.

*Schießer = An der Vorderkante abgeflachtes Brett mit langem Holzstiel, zum Einschießen der Teiglinge in den Ofen.

Er war in den letzten zwei Jahren Lehrzeit von der vielen Arbeit kräftig und geschickt geworden. Jetzt hatte er die Nase voll. Er wich aus, schnappte blitzschnell nach dem Alten und riss ihm den Schießer aus der Hand. Packte ihn und nahm ihn in den Schwitzkasten. Der Alte ächzte und schrie. Es hat sicher ein paar Minuten gedauert, bis der junge Lehrvater den Lärm mitbekommen hatte. Er rannte aus dem Verkaufsraum rüber in die Backstube und löste das Handgemenge zwischen seinem wehrhaften Lehrling und seinem alten, betrunkenen Vater auf.

Meinem Vater wurde danach der Lehrvertrag gekündigt. Der Übergriff auf den ‚Senior‘ war nicht akzeptabel. Das letzte Jahr seiner Lehre musste er im elterlichen Betrieb fortsetzen. Mit 17 Jahren schloss er als Bäckergeselle seine Ausbildung ab. Dann zog es ihn raus. Er suchte sich eine Anstellung und arbeitete zuletzt in einer Bäckerei in Düsseldorf.

Post aus dem Pentagon

Proof of Registration, 1956

Dort in Düsseldorf erreichte ihn die Nachricht, dass ein Brief aus dem Pentagon, USA an seiner Heimatadresse in Lorsch angekommen war. Das ‚Department of Defense‘ meldet sich mit der Mitteilung, dass er zum Militärdienst eingezogen werden könne. Eine kleine Überraschung, die da auf ihn zukam. Ihm war bisher nicht bewusst, dass seine Mutter Betty ihn kurz nach seiner Geburt im US-Konsulat als neuen amerikanischen Erdenbürger angemeldet hatte.

Stolz und aufgeregt erschien er im Herbst 1956 im Konsulat in Frankfurt. In dem kleinen Amtszimmerchen ‚Draft for Military Service‘ saß ein ‚Recruiter‘, der die wehrpflichtigen jungen Männer über ihre Pflichten und Möglichkeiten informierte. Er brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden.

Was konnte ihm eigentlich Besseres passieren, als in den Militärdienst einzutreten. Er hatte keine Angst oder Vorbehalte. Im Gegenteil. Er fand es abenteuerlich und aufregend. Wenn er sich drei Jahre verpflichten würde, dann würde man ihn nach USA zur Grundausbildung schicken. Man würde ihn irgendwo in USA stationieren. All das klang nach einem wunderbaren Abenteuer.

Auch wenn mein Vater zu diesem Zeitpunkt kaum Englisch sprach und noch nie in den USA war, fühlte er sich durch seine Herkunft mit der Vorstellung ein Amerikaner zu sein, sehr verbunden. Die Papiere, die ihm der Recruiter im Konsulat vorlegte, unterschrieb er direkt. Schon im Februar des Folgejahres würde er mit einem Militär-Schiff nach USA übersetzen.

Vom Bäcker zum Koch

Im Februar 1957 stach der Truppentransporter der US-Marine am Bremerhaven in See. Mit etwa hundert anderen jungen Männern überquerte das Schiff den Atlantik und kam 10 Tage später im Hafen von New Jersey an. Nach der Ankunft wurden die Männer direkt nach Fort Dicks weiter transportiert. Dort absolvierten sie ihre militärische Grundausbildung.

Sein spärliches Schulenglisch reichte nicht aus. Er verstand am Anfang „Null“. Doch die vier Wochen vergingen schnell. Sein Stubenkamerad half ihm, die Dinge zu verstehen. Marsch, Links, Rechts. Jeden Abend ging er ins Kino, um die fremde Sprache aufzunehmen. Und bald hatte er das Nötigste in seinem Englisch-Repertoire.

Auch wenn mit ihm als Soldat zunächst nicht viel anzufangen war, waren seine Fähigkeiten als Konditor und Bäcker gut zu gebrauchen. Man schickte ihn in die Kochschule im Fort Lee, North Carolina. Er sollte später in einem Kasino oder Verpflegungstrupp eingesetzt werden können.

Erinnerungen an 1957

Das Glück war ihm hold. Die Bäcker und Konditoren-Ausbildung, die er vorzuweisen hatte, verhalfen ihm zu einem Alleinstellungsmerkmal. Denn das Offizierskasino des Hauptquartiers in Norfolk, Virgina suchte speziell einen Koch, der diese zusätzliche Qualifikation hatte. Keiner der anderen Köche hatte das vorzuweisen. Also fiel die Wahl auf ihn.

Specialist „Cook“ Gerhard Krebs, 1957

Im Offizierskasino beglückte er die Generäle und Offiziere mit gutem deutschen Brot und anderen Leckereien. Seine Aufgabe machte ihm Spaß. Stolz trug er seine weiße Koch-Uniform!

Ich komme aus einer Bäckerfamilie und bin in einem Bäckerei-Betrieb aufgewachsen. Darauf bin ich stolz. Mit dem Bäckerhandwerk meines Vaters und auch Großvaters verbinde ich viele, schöne eigene Erinnerungen. Auch wenn mein Vater einige Jahre später (da war ich schon acht Jahre alt) das Bäckerhandwerk an den Nagel hing und andere Talente entdeckte, backt er heute noch „sein“ Brot. 

Wie das geht, erfahrt ihr im nächsten Beitrag 🙂

Week #18

Wo Lebensgeschichte lebendig wird

In die Erinnerungen meiner Eltern mit einzutauchen, ist für mich wie das Zusammenbauen eines komplizierten Puzzles. Ich habe noch kein ‚Big Picture‘ vor Augen. Ich versuche die Randstücke zu finden, um irgendwie Anfang und Ende des Bildes sehen zu können. Wie Einzelteile liegen die ‚Flashbacks‘ vor mir. Immer dann, wenn ich ein paar kleine Geschichten, die meine Eltern erzählen, zu einem Bildfetzen zusammenbauen kann, bin ich ganz fasziniert. Der folgende Ausschnitt fesselt mich besonders, weil er für mich Geschichtsbücher lebendig werden lässt:

Im Luftschutzkeller

Mein Vater Gerhard ist acht Jahre alt. Ein Dorfjunge wie jeder andere hier in Rimbach im Odenwald. Er ist im 2. Weltkrieg aufgewachsen. Immer mal wieder ertönte der Heulton des Fliegeralarms und alle Dorfbewohner mussten sich in die ausgewiesenen Luftschutzkeller retten.

März 1945. Ein Tag, Ende März, an dem das Kriegsende nahte. Ein Alarmruf tönte. Man sollte sich im Luftschutzkeller im gegenüberliegenden Bauernhofverstecken. Gerhard rannte mit seiner Familie, seiner kleiner Schwester Margot, Mutter Betty und Großmutter Bawette (Barbara), rüber.

Die ganze Nachbarschaft hatte sich im Schutzkeller versammelt. Da hockten sie nun alle. Frauen, Kinder und Alte. Alle die, die nicht an die Front gegangen waren. Die Nachricht, dass die Amerikaner kommen würden, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Von allen Seiten her marschierten die Alliierten in Deutschland ein. Die Amerikaner näherten sich Rimbach vom Rhein bei Oppenheim kommend. Darmstadt und Bensheim wurden eingenommen. Eine kleine Einheit amerikanischer Soldaten setzt sich ab, um die Städte und Dörfer nach versteckten deutschen Soldaten zu durchsuchen. Sie gehen zu zweit von Haus zu Haus. Wenn keiner öffnet, treten sie die Haustür auf.

Einmarsch der Amerikanischer in Bensheim, 27. März 1945

Gerhard kletterte auf eine Kiste, um aus dem Kellerfenster des Schutzkellers auf die Straße blicken zu können. Er beobachtet, wie genau gegenüber zwei amerikanische Soldaten die Treppenstufen des gegenüberliegenden Hauses hochstapfen.

Ein Nachbar, der auch am Kellerfenster hing, rief: « Bawette, alleweil gäin se on doi Dor ». Großmutter Bawette hastet aus dem Schutzkeller, die Treppe hoch, wild gestikulierend über die Straße. Was Gerhard dann sah, ließ ihm förmlich die Kinnlade herunterfallen. Als die zwei bewaffneten Soldaten anschickten die Haustür aufzubrechen, schrie Großmutter Bawette die beiden an und fuchtelte wild mit den Händen. Mein Vater konnte nicht verstehen, was sie schrie. Die Auswirkung war allerdings, dass beide Soldaten plötzlich „Haltung annahmen“ und „stramm standen“.

Die resolute Bawette

Großmutter Bawette hatte nie viel über ihre Vergangenheit gesprochen. Sie wanderte 1912 aus Deutschland aus, um ihrem Ehemann Philipp nach USA zu folgen. Philipp lernte sie ein Jahr zuvor in Rimbach kennen. Er besuchte nach mehr als 20 Jahren USA seine alte Heimat in Rimbach. Mit seiner funkelnden, dunkelblauen Kavallerie-Uniform musste er umwerfend ausgesehen haben. Sie heiraten. Bawette begleitet ihn zurück in die USA.

Bawette (Barbara) und Philipp, 1911

Mit diesen beiden, Bawette und Philipp, beginnt meine Ahnengeschichte in Amerika. Mein Urgroßvater Philipp war als Kavallerist im US-Bundesstaat Georgia im Fort Oglethorp stationiert. Er kehrte 1888 im zarten Alter von 18 Jahren dem deutschen Kaiserreich den Rücken zu und wanderte in die USA aus. Er legte den Grundstein für die Deutsch-Amerikanische Verbindung unserer Familie. Einige Jahre nach seiner Einreise in New York meldete er sich freiwillig zum Militäreinsatz, zog in den Philippinisch-Amerikanischen Krieg und erhielt im Gegenzug die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Rimbach war die ganze Sippschaft als die ‚Amerganisch‘ bekannt.

Top-Seargent Philipp, Bawette und Kids,
Fort Oglethorpe, Georgia, Dezember 1914

Ab 1912 lebten Philipp und Bawette fast 10 Jahre im Fort Oglethorp in Georgia. 1921 kamen sie samt Kindern zurück nach Deutschland. Wie es dazu kam, würde hier den Rahmen sprengen. Von Bedeutung ist hier nur, dass Großmutter Bawette nach fast 10 Jahren in einem Militär-Fort das raue Leben als Kavalleristen-Angetraute kannte. Sie sprach fließend Amerikanisch und wusste sehr genau um die Gepflogenheiten der Militärsprache. Wir können nur erahnen, was Bawette den beiden Soldaten zu rief. Ich bin sicher, dass mein Vater nicht der Einzige im Schutzkeller war, den diese Szene an der Haustür mit offenem Mund hinterließ.

In den folgenden Wochen nisteten sich die amerikanischen Soldaten im Rimbacher Dorf-Gasthaus ein. Weitere Soldaten folgten. Der amerikanische Offizier, der der kleinen Militäreinheit vorstand, hatte sogleich seine Chancen in Bawette’s Herkunft erkannt. Fortan übernahm Bawette gewissermaßen die Heeresführung der Gasthausküche und sorgte für das leibliche Wohl der Mannschaft. Während der einfache Dosen-Proviant und die trockene Armee-Verpflegung kistenweise im Haus meiner Urgroßmutter lagerten, schleppten die Soldaten erlegtes Wild an. Bawette verwandelte deutsches Wildschwein und Rothirsch in schmackhafte amerikanische Südstaatenküche.

Das Blatt wendet sich

Seit der Hitlerzeit hatte sich einiges im Dorf verändert. Mein Vater kann sich noch gut erinnern, wie er die größeren Jungs um ihre Uniform der Hitlerjugend beneidete. Sie marschierten mit ihren Trommeln durchs Dorf und machten mächtig Eindruck auf ihn. Er war zu jung, um dabei sein zu dürfen. Also vertrieben er und seine Schulkameraden sich die Zeit mit Kriegsspielen, Raufereien und kleinen Machtkämpfen unter Dorfburschen. Er erinnert sich noch gut, dass er oftmals den Kürzeren zog und „Prügel einstecken“ musste.

Einige Dorfbewohner, insbesondere die jüdische Bevölkerung hatte unter den Repressalien der aufstrebenden Nazi-Zeit zu leiden. Aber auch mein amerikanischer Urgroßvater Philipp war widerspenstig und sprach sich offen gegen Hitler aus. Bei seiner Beerdigung 1936 erinnert sich eine Zeitzeugin: Die Ehrengarde des amerikanischen Konsulates kam nach Rimbach, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Salutschüsse wurden abgegeben, die US-Flagge, die auf dem Sarg lag, wurde traditionell gefaltet und der Witwe Bawette überreicht. Einer der Trauergäste, ein Dorfpolizist sagte zu Bawette: „Sei froh, dass er gestorben ist, denn wir hatten Auftrag ihn ins KZ abzuschieben“.

Aufzeichnungen meiner Großmutter Betty. Erinnerungen an Philipp

Seit dem Tag, an dem die zwei Soldaten meiner Urgroßmutter Bawette in die Parade liefen, wendete sich das Blatt. Auch für meinen Vater. Die kleine Familie, die wie viele anderen auch, aus Frauen und Kindern bestanden, befand sich im Aufschwung. Sie genossen den Schutz der amerikanischen Besatzungsmacht, hatten Zugang zu Nahrungsmitteln und anderen Gebrauchsgütern, die nach Kriegsende rar waren.

Bisher schlugen sie sich so durch. Bawette hatte zwar Anspruch auf eine amerikanische Witwenrente. Diese wurde aber mit Kriegseintritt der USA nicht mehr nach Deutschland ausbezahlt. Gerhards’ Mutter Betty, meine Großmutter, verdingte sich als Haushaltshilfe oder Näherin. Der eigentliche Ernährer der Familie, mein Großvater Fritz, der bisher noch nicht zur Sprache kam, war an der Front und wurde zu diesem Zeitpunkt vermisst. Wie so viele Männer befand er sich in Kriegsgefangenschaft. Die Frauen mussten zusehen, wie sie sich und ihre Kinder durchbrachten.

Bawette, aus dem Ahnenbuch der Familie Altendorf entnommen

Die Kriegsverpflegung und Vorräte, die die Amerikaner mitgebracht hatten, wurden von Bawette’s Haus aus an die Dorfbevölkerung verteilt. Der Umstand, dass all die Kisten im Wohnhaus meines Vaters lagerten, sollte ihm zum Vorteil gereichen. Neben dem Dosenfleisch, waren Kaugummis beliebte Tauschmittel. Bananen, Orangen, Schokolade machten ihn in seinen jungen Jahren zu einem erfolgreichen Schwarzmarkt-Großhändler von Spielzeug im Dorf. Sein Beliebtheitsgrad stieg proportional zur Attraktivität der Tauschartikel an. So konnte der ‚amerganisch‘ Gerhard manches Spielgerät erwerben, von dem er vorher nur träumte.

Meine ‚amerganisch’ Großmutter Betty mit Gerhard und seiner Schwester Margot,
ca. 1946

Ungefähr 10 Jahre später, mein Vater ist gerade 18 Jahre alt, erreicht ihn ein Brief aus dem Pentagon, USA. Damit beginnt eine weitere Episode dieser abenteuerlichen Lebensgeschichte.

Week #16

Morgens beim Kaffee

Das Ritual zwischen mir und meinen Eltern ist immer das Gleiche: morgens kriechen alle aus dem Bett, jeder macht sich einen Kaffee und wir sitzen zusammen und kommen ins Erzählen. Ich bekomme von meinen Eltern viele kleine Geschichten erzählt. Vergangenheit und Gegenwart bieten einen nahezu unerschöpflichen Fundus. Allein die Story über die amerikanische Staatsangehörigkeit meines Vaters würde einen ganzen Roman hergeben. Sie hatte uns mehrmals nach USA geführt. So auch im Sommer 1967.

Sommer 1967

Meine Mutter packt unsere sieben Sachen zusammen. Kleidung, Küchenutensilien, Bettwäsche. Alles, was einigermaßen zu gebrauchen ist, wird in einen Schiffscontainer gepackt. Alles, nur keine Möbel. In Amerika werden wir neue kaufen!

Wir wandern aus! Mein Bruder Mike ist sechs Jahre alt und ich fast vier. Es ist das zweite Mal, dass sich meine Eltern auf die Reise machen. Das erste Mal brachte sie die dienstliche Versetzung meines Vaters von Würzburg nach El Paso hierher. Direkt an der mexikanischen Grenze musste er damals seinen Militärdienst absolvieren.

Diesmal herrschte Goldgräberstimmung. Mein Vater hatte das Angebot eine Generalagentur eines großen kalifornischen Versicherungskonzern in Florida aufzubauen. Chance und Risiko zugleich. Mit meiner Mutter hat er den Deal: „Wenn es Dir nach einem Jahr noch nicht gefällt, dann gehen wir zurück nach Deutschland!“

Das Frachtschiff, ein schwedischer Bananendampfer, verlässt samt unserem gepackten Container und unserem neuen roten Opel Rekord, Bremerhaven im Juli 1967. Wir waren die einzigen Passagiere auf dem Schiff. Und so kam es, dass die Matrosen und Offiziere uns all ihre Aufmerksamkeit schenkten. Meine Eltern erinnerten sich mit einem herzhaften Lachen an diese Überfahrt: „Dreimal am Tag hatten wir Captain’s Dinner. Schon morgens stand die Schnapsflasche auf dem Frühstückstisch. Die Schweden vertragen was!“

So oder so ähnlich sah das Frachtschiff aus

Ich habe nur wenige, verschwommene Erinnerungen an diese Überfahrt. Ich weiß nur noch, dass alle sehr nett und lieb mit mir umgegangen sind. Und dass es irgendwie unterhaltsam war. Daran, dass ich seekrank war und mich die halbe Überfahrt übergeben musste, kann ich mir kaum erinnern. Ist vielleicht auch besser so!

Zehn Tage dauerte es, bis wir in Baltimore ankamen. Zehn Tage über die raue See. Zehn Tage in der abenteuerlichen Obhut eines riesigen Bananendampfers. Dann endlich der Landgang. Am Rockzipfel meiner Mutter, warteten Mike und ich bis mein Vater die Einreise- und Zollpapiere geregelt hatte. Unser geliebter, roter Opel Rekord durfte nicht einreisen, bevor er nicht gewaschen bzw. dekontaminiert wurde. Wegen der Einschleppungsgefahr von Seuchen und Krankheitserregern. Merkwürdigerweise mussten wir nicht gewaschen werden, was wahrscheinlich mehr Sinn gemacht hätte.

Von Baltimore nach Orlando

Von Baltimore nach Orlando

Fast 900 Meilen musste der frisch gewaschene Opel Rekord durchhalten. Tagsüber fuhren wir zu viert im Auto, am Abend suchten wir ein Motel zur Übernachtung. Endlich, am dritten Tag in Orlando angekommen, suchten meine Eltern eine vorübergehende Bleibe. Die ersten Wochen lebten wir in einem Motel, dann in einem Townhouse, bis meine Eltern schließlich ein kleines Häuschen in einer freundlichen Wohngegend in der Nähe des Lake Killarney gefunden hatten. Fortan sollten wir unseren Wochenenden am Beach von New Smyrna oder am Coco Beach verbringen. Welcome to the Sunshine State!

Ich am New Smyrna Beach, Florida 1967

Mein Bruder, der wie ich, kein Wort Englisch sprach, wurde dort eingeschult. Berichten zufolge war das absolut kein Spaß für ihn. In die erste Klasse zu gehen ist als sechsjähriges Kind schon herausfordernd genug. Die Sprache nicht zu verstehen, macht es nicht leichter. Ich war genau zwei Tage im Kindergarten. Dann weigerte ich mich, weil ich Angst vor der Kindergärtnerin hatte. Außerdem konnte ich so meinen Vorlieben, Spiel- und Bastellaunen nachgehen, wann immer ich es wollte. 

Und so rüttelten wir uns mehr oder weniger leicht in das neue Leben im Amerika ein. Mein Vater startete sein Business in der Versicherungsbranche, von dem er sich ein lohnenswertes Geschäft erhoffte. Meine Mutter, die nur wenig Englisch konnte, kümmerte sich um den Haushalt, die Kinder und ging eher widerwillig den sozialen Nachbarschaftsverpflichtungen des dort ansässigen Women‘s Club nach. Am Vormittag unterstützte sie meinen Vater mit Schreibarbeiten. Er war unterwegs – mit dem roten Opel, machte Kontakte und erarbeitete sich wichtige Kundentermine, um sein Geschäft ins Rollen zu bringen.

Ein Jahr später

Wir sitzen im Flieger nach Deutschland. Meine Mutter, Mike und ich. Mein Vater bleibt noch etwas länger. Der Versicherungskonzern hatte zwischenzeitlich beschlossen, sich aus dem Florida-Markt zurückzuziehen. Seit einigen Monaten hat er einen neuen Job als Autoverkäufer bei einem GM-Händler. Damit kann er sicher sein und auf seinen Erfolg zählen. Das hatte er in Deutschland nach seiner ‚GI‘-Zeit bereits bewiesen. Hier in Orlando gehörte er schon nach zwei Monaten zur Spitze der Verkäufer. 

Die Tatsache, dass mein Vater sich beruflich etabliert hatte und das Auskommen der Familie sicherstellen konnte, half nicht. Mein Mutter konnte keinen wirklichen Gefallen am amerikanischen Lifestyle finden. Sie wollte zurück nach Deutschland. 

In Frankfurt angekommen, wurden wir in Empfang genommen und wir fuhren in die Bäckerei meiner Großeltern. Einige Wochen später am Telefon: „Papa, wann kommst Du nach Hause“. Nach diesem Telefonat kündigte mein Vater seine Stelle in Orlando und kaufte ein Flugticket nach Deutschland.

So oder so ähnlich sah der geliebte Opel aus

Der rote Opel Rekord musste leider zurückbleiben. Er verbrachte die letzten Tage mit meinem Vater. In seinen Polstern steckten die Erinnerungen eines abenteuerlichen Jahres. In seinen letzten Kilometern steckten auch die sehnsüchtigen Momente eines einsamen Familienvaters. Der Wagen wurde verkauft. Seine Spur verliert sich an dieser Stelle.

Week #14

Zweite Etappe: Florida

Aloha Adé

Man könnte meinen, dass nach einem Hawai’i Aufenthalt eine kalte Dusche eine erfrischende Sache ist. Ich habe den Wechsel von Hawai’i nach Florida eher als unwillkommene Abkühlung erlebt. Nicht nur wegen der deutlich niedrigeren Temperaturen, die mir nach Ankunft entgegen schlugen. Sonderbarerweise fehlte etwas: Die gewohnte Aloha-Atmosphäre.

Sonnenaufgang Flughafen Dallas Fort Worth, Texas

Mein Flug nach Florida ging über Dallas. Während des Fluges habe ich meine hawaiianische Lieblingsmusik gehört (Ülili E, Vocal Duet with David Kamakahi) und habe die schönen Erinnerungen der letzten drei Monate an meinem inneren Auge vorbeiziehen lassen. So „angewärmt“ betrat ich den Boden von US Mainland,Florida. Aufgeladen mit Aloha und ‚totally relaxed‘ trat ich meinen Weg zu meinen Eltern an.

In der Warteschlange am Airport Shuttle habe ich darauf gewartet, dass mir jemand Hilfe mit meinem Gepäck aufdrängt, am Car Rental Schalter freundlich herbeiwinkt, oder dass die anderen Autofahrer mich zuvorkommend vorlassen, egal ob die Regeln es erlauben oder nicht. Nichts dergleichen. Jede/r ist mit sich selbst beschäftigt, auf das Eigene fokussiert und ganz offenbar sich selbst der Nächste.

Der Umgang hier erschien mir wie eine kalte Dusche. „Warum ist hier alles so unfreundlich, hektisch und egoistisch?“

Die ersten Tage war mir etwas kalt ums Herz, ohne dass ich sagen könnte, dass irgendjemand unfreundlich zu mir gewesen wäre. Es war einfach der emotionale Temperatursprung, den ich verarbeiten musste.

Meine Elternzeit

Kaum sind die Kinder aus dem Gröbsten raus, da kommen die eigenen Eltern dran…, so oder so ähnlich höre ich manche meines Alters reden. Und so stimmt es ja auch ganz oft. Hört man auf, sich um die Kinder zu kümmern, weil sie groß und selbständig geworden sind, sind oft die eigenen Eltern pflege- oder zumindest sorgebedürftig.

Darf ich vorstellen: Meine Eltern

Diese zweite Reiseetappe ist meinen Eltern gewidmet. Es ist „meine Elternzeit“. Seit über 22 Jahren leben sie in Florida. Zunächst in einem kleinen Reihenhäuschen an der Ostküste mit direktem Zugang zum Beach. Seit einem halben Jahr wohnen sie in einem kleinen Apartment in einer „Senioren-Residence“, wenige Meilen entfernt vom Meer.

Es ist viel zu tun im Hause Krebs. Der Einzug in die neue Wohnung und die Renovierungsarbeiten schleppen sich dahin. Wenn meine Eltern neues Eigentum erstehen, dann heißt das schon immer: Alles muss neu gemacht werden. Alte Wände raus, Möblierung raus, alte Küche raus, neue rein. Alte Bäder raus, neue rein. Mein Vater ignoriert einfach sein Alter und arbeitete beharrlich. Tag um Tag. Nahezu alles wollen sie selbst machen. So war das schon immer!

Blöderweise spielte das Herz meines Vaters nicht so mit. Er musste die Arbeiten unterbrechen. Eine Zwangspause einlegen. Das Schlimmste, was man diesem Mann antun kann.

Unermüdlich…

Also nichts einfacher, als hier zu unterstützen. Wir schrauben gemeinsam Möbel zusammen, kaufen ein, kochen. Ich dränge beiden eine Pause im beheizten Pool auf oder insistiere, bis wir einen Nachmittag zum Strand gehen. Seit fast einem Jahr waren sie nicht mehr dort.


Seit längerem hatten sie das Mantra „Work, Eat, Sleep“. Ich versuche mich gerade an der Umprogrammierung auf:

Work, Relax, Enjoy!

Without Work this wouldn’t Work… 😉

Wir sehen uns meist nur einmal pro Jahr, hin und wieder telefonieren wir. Bisher war das ok. Sie sind älter geworden – logisch. Langsamer. Hören schlechter. Die Knochen tun hier und da weh. Meine Mutter ist mit 76 ziemlich fit. Mein Vater mit 82 erlebt sein „Revival“ dank eines Herzschrittmachers, den er vor 8 Wochen bekommen hat.

Vielleicht fällt das hier nur mir auf, denn sie befinden sich in guter Gesellschaft. Hier in der „Vista Pines“-Residence darf man erst Eigentum erwerben, wenn man 55+ ist. Die Anlage ist so groß, dass ich mit dem Fahrrad 5-6 Minuten brauche, um einmal rund zu fahren. Wo ich hinschaue, alte Menschen. Mal mehr, mal weniger fit. Mit und ohne Gehrädchen. Wer nicht mehr laufen kann, fährt mit dem Wagen zum Pool oder Clubhouse. Wenn ich mit dem Badetuch über der Schulter zum Pool laufe, komme ich mir vor wie ein ‚Jung-Spunt‘. Aus dieser Perspektive betrachtet, fühlte ich mich nie jünger als jetzt.

Gottes Wartezimmer

Insbesondere gut gestellte amerikanische Rentner leisten sich gerne entweder einen stetigen Wohnsitz hier im „Sunshine State“ oder ein Winter Domizil. Ein bekanntes und beliebtes Lebensmodell für’s Alter. Alles ist auf die Bedürfnisse der „Alten“ zugeschnitten, egal ob sie fit oder gebrechlich sind. Über 270 Golfplätze, tausende Tennisplätze, beheizte Pools in nahezu jeder Wohnanlage. Breite Straßen, langsames Fahren und große Parkplätze. Segelboote haben oft einen eigenen Steg zum Häuschen am Wasser. Oder man parkt das gute Stück im Club-Hafen unter Seinesgleichen.

Altersgerechte Wohnkonzepte im „Economy, Premium und First Class“ – Niveau. Je nachdem, was der Geldbeutel erlaubt. Ärzte und Kliniken für jedes Wehwehchen, Massage-Praxen und Therapie-Center, wo das Auge nur hinschaut.

Sarkastische Zungen sagen: „Florida is God’s Waiting Room“

Das warme Klima, die Sonne und die zarte ‚Breeze‘ in Meeresnähe, tragen ihren Teil zum „eleganten Koma mit viel Ruhe und Bequemlichkeit“ bei. Das Zitat ist von Iggy Pop, der amerikanischen Punk-Rock Legende. Mit jetzt 72 Jahren lebt er in Miami. So lässt sich komfortabel altern! Bis der Tot sie scheidet.

Mein Vater will hier in USA beerdigt werden. Er ist die dritte Generation in unserer Familie mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, seit mein Urgroßvater Phillip sich im zarten Alter von 18 Jahren auf den Weg ins gelobte Land machte. Dieses Erbe möchte mein Vater ehren.

Meine Mutter denkt gar nicht daran zu sterben. Sie trotzt dem Zahn der Zeit mit Energie und Schaffenskraft. Sie genießt ihre Routinen, ist ‚always busy‘ mit Einrichtungs- und Gestaltungsfragen im neuen Apartment und hält meinen Vater auf Trapp.

Ich bin neugierig, was die Zwei zu erzählen haben. Will die Zeit nutzen, mehr über sie und ggf. über mich zuerfahren. Let’s see!