Week #29

Ich hatte einen Traum!

Ohne Mist! Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und musste ganz dringend irgendwo hin. Ich bin auf eine große Straße eingebogen. Eine Autobahn. Plötzlich ein riesen Stau. Ich musste auf’s Klo. Schräg gegenüber sehe ich eine Ausfahrt zu einer Raststätte. Draußen sitzen Leute an Tischen und genießen die Sonne.

Ich stelle mein Fahrrad ab und laufe in eine Treppe runter. Zu den Toiletten. Bevor ich ins Damenklo gehe, nießt mich plötzlich jemand kräftig an.

Ich wache auf! Mitten in der Nacht. Gehe auf’s Klo. „So ein Glück, dass der mich im Traum angeniest hat, sonst hätte ich vielleicht noch ins Bett gemacht“, murmle ich vor mich hin. Und dann geht mir der Traum durch den Kopf. Der Stau vor der polnischen Grenze. Ich, bei einer Fahrradtour. Darf aber unterwegs nirgendwo auf’s Töpfchen, weil ich in Quarantäne bin. Kontaktrisiko vermeiden. Die Angst, dass mich jemand anniesen könnte. Corona! Meine Träume sind coronifiziert.

Die Verdauung meiner bewussten und unbewussten Wahrnehmungen klappt scheinbar ganz gut. Mein Traum hat das ganz eindrücklich gezeigt. Und in der Tat. Viel mehr passiert ja auch gerade nicht. Vielmehr nehme ich gerade nicht wahr! Mein Fokus und offenbar auch der, der ganzen Welt, liegt ganz und gar in der Beschäftigung mit Corona. Oder auch in der Ablenkung davon. Nachvollziehbar! Veränderbar? Aushaltbar?

Mein Corontäne-Quartier

Seit meiner Ankunft in Deutschland bin ich in Einzelhaft. Einzelisolation nennt es das Robert-Koch-Institut. Ich nenne es Corontäne. Am Flughafen angekommen, habe ich mich direkt zu einem Corona-Test vorgestellt. Das Ergebnis ist zwischenzeitlich da: Negativ! Trotzdem zwei Wochen isolieren. Denn jetzt muss ich aufpassen, dass mich niemand ansteckt. 

Ich habe Glück. Ich komme in Einhausen unter. Der Name ‚Einhausen‘ steht quasi für die Größe des Städtchens. Der Shutdown macht hier keinen Unterschied. Die paar Lädchen und Geschäfte, die es hier gibt, sind alle systemrelevant. Hier hat meine Mutter eine kleine Wohnung, die gerade leer steht. Voll möbliert und top ausgestattet. Hier niste ich mich ein. Mein Bruder wohnt ein paar Straßen entfernt. Und so mutiert er zum Online-Bestell- und Lieferdienst für Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter. Als vorausschauender Deutscher hat er selbstverständlich ein eigenes Heimlager an Toilettenpapier angelegt. Ich bin also bestens versorgt.

Weil es spaßiger ist, habe ich das Raumkonzept etwas angepasst. Manchmal reicht es ja, dem Kind einen anderen Namen zu geben. So verwandelt sich die Fernsehecke zur Nachrichten-Zentrale, das Badezimmer zur Wellness-Oase, meine alte Yoga-Matte zum Fitness-Center und die Wohnungstür zur Material- und Lebensmittel-Klappe. Wenn ich gut bin, schaffe ich 1500 Schritte am Tag. Der Ablauf meiner Aktivitäten lässt sich in einem wiederkehrenden Bewegungsmuster aufzeigen.

Raumkonzept meines Corontäne-Quartiers
Wiederkehrendes Bewegungsmuster

Wie alle, lebe auch ich „auf Sicht“. Keiner weiß, wie es weitergeht. Wann es weitergeht. Also alle Systeme runterfahren. Als Biologin habe ich da meine ganz eigenen Bilder im Kopf. Wer schon einmal durch ein hochauflösendes Mikroskop geschaut hat, der hat eine Idee davon, was sich – für das normale Auge verborgen – abspielt. Allein diese konkrete und anschauliche Vorstellung, was da alles mikroskopisch klein, kreucht und fleucht, erlaubt nicht, die Existenz kleinster Lebewesen, geschweige denn Coronas, leugnen zukönnen.

Also halte ich mich an die Empfehlungen und Vorgaben. „Social Distance“ – wahrscheinlich das Wort des Jahres. Abstand halten fällt mir hier nicht schwer. Ich bin allein. Auch draußen. Beim Spaziergang und auf der ein oder anderen Fahrradtour. Mehr ist nicht geblieben von meinem Abenteuer im Sabbatical. Ich tröste mich mit dem Wissen, dass es gerade allen so geht. Kollektives Leid ist eben doch leichter zu ertragen!

Der neue Rhythmus, bei dem JEDER mit muss!

So vergehen die Tage und zwischenzeitlich hat sich ein annehmbarer Rhythmus eingestellt.

Schlafen – Essen – Nachrichten hören – digitaler Kaffeeklatsch – Online-Pilates-Einheiten – Repeat – Repeat – Repeat!  

Deutschland mausert sich in der Zwischenzeit zum digitalen Explorationszentrum für Menschen, die bisher kaum Berührungspunkte mit dieser Parallelwelt hatten. Alles, was geht wird auch gemacht. Der kleine Fahrradshop nebenan hat jetzt ein Terminbuchungssystem. Die Dorf-Pizzeria hat einen Online-Bestellservice eingerichtet. Und die Yoga-Lehrerin um die Ecke bietet jetzt ein Zoom-Meetings an, um die Yoga-Klasse online zu unterrichten. 

Ganz zu schweigen von der Symbiose, die sich gerade aus Lehrern/Schülern und Lern-Plattformen/Online-Unterricht im Schulwesen bildet. Die Bundesregierung hat sogar mit einschlagendem Erfolg den wahrscheinlich weltgrößten Hackathon im Kampf gegen Corona mit fast 43.000 Teilnehmer*innen durchgeführt. #wirvsvirus. Die erstaunlich kreativen und hinreißenden Ergebnisse dazu kann man auf YouTube verfolgen. Der Platz im Guinness-Buch der Rekorde dürfte sicher sein!

Kaum jemand kann sich diesen auch positiven Dynamiken, diesen unerwarteten Nebenwirkungen,

entziehen. Nicht nur die Medizinbranche erlebt ungeahnten Aufschwung. Auch die Anbieter digitaler Tools stehen hoch im Kurs. Plötzlich müssen Mitarbeiter*innen Home-Office machen, in deren Unternehmen so etwas vorher nicht denkbar war.

Und das ist erst einmal gut so! Aber Vorsicht. Und das sage ich als Naturwissenschaftlerin: „Zu viel von egal was, ist nicht gut.“ Systeme suchen ein Gleichgewicht herzustellen. Die Gesellschaft nimmt den Veränderungs-Impuls, der sich durch Corona ergeben hat, pragmatisch auf. Welche Lehren werden wir daraus ziehen? Werte sind dann wieder was wert? Umwelt und Gesundheit stehen wieder ganz oben?

Die Einsicht steht am Anfang!

Anders sieht das im Umgang mit unserem weltumfassendes Ökosystem aus. Seit Jahrzehnten ignorieren die meisten Staaten dieser Erde, dass wir ein massives Problem haben. Und es funktioniert. Das Problem darf bleiben. Denn die Quittung kommt nicht unmittelbar.

Corona und Klima: Beides fordert den gesunden Menschenverstand

So wie ‚Fridays for future‘ auch ein Mittel zum Zweck ist, ist der Zweck unsere Umwelt und Natur gesund zu halten. #dontmessupmyfuture, #oceancleanup oder #plastikfrei, #hoertaufhuehnerzuquaelen oder #nurgluecklichekueheschmeckengut kommen der Sache inhaltlich schon näher!

Es ist geradezu energetisierend zu sehen, wie schnell die Menschen und die Welt sich auf die Anforderungen der Corona-Krise angepasst haben. Und diejenigen, die keine Einsicht haben, werden eben durch andere Mittel davon überzeugt, dass es besser wäre, sich an die Regeln zu halten. Zuhause bleiben ist ja nur das Mittel zum Zweck. #wirbleibenzuhause oder #staythefuckhomeoder #iorestoacasa. Der Zweck ist Abstand zu halten. Es funktioniert. Weitgehend. #keepthefuckdistance.

Zuhause bleiben ist ja nur das Mittel zum Zweck. Der Zweck ist Abstand zu halten.

Die Blaupause im Umgang mit der globalen Bedrohung durch Corona darf auch zukünftig für den Umgang mit dem globalen Klimaschutz gelten. Der Anfang wäre doch, dass alle Länder das Problem als solches anerkennen würden. Corona ist da konsequent ungnädig. Wer Corona nicht als Problem anerkennt, sondern ignoriert, erhält postwendend die Antwort in Form von Infektions- und Mortalitätsraten.

Corona ist konsequent ungnädig.

Ich wünsche mir im Kampf um unsere gemeinsame Umwelt die gleiche Entschiedenheit, Energie,Bereitschaft und Innovationskraft auf der politischen Ebene, wie wir sie gerade in der Corona-Krise erleben. Und das wäre nur der Anfang meiner Wunschliste. Naiv? Aber immerhin ein Anfang!

Week #28

Sieben Tage in Rom

Es sind nur sieben Tage, seit ich die Einschränkungen, die die italienische Regierung ihrer Bevölkerung auferlegt hat, miterlebe. Und das zu allererst: Es ist nicht so schlimm, diese Einschränkungen ein- und auszuhalten, wie es sich an manchen Stellen anhören mag. Ich vergesse dabei nicht, dass während hier das Coronavirus tobt, andernorts Kriege toben. Menschen in Flüchtlingslagern weit Schlimmeres auszuhalten haben. Naturkatastrophen überwunden werden müssen. Menschen und Tiere viel Leid ertragen müssen. Aus welchen Gründen auch immer. Viel länger als sieben Tage!

Dennoch wird es mir hoffentlich niemand verübeln, wenn ich meine ganz persönliche Story „aufzoome“. Und die ist die Geschichte eines luxuriösen, wenig belasteten Daseins im goldenen Käfig der Verordnung #Iorestoacasa! Und wo ließe es sich besser auf hohem Niveau leiden, als in der ewigen Stadt?

Im Angesicht des Leids, welches das Virus aktuell über manche Familien gebracht haben mag, spreche ich hiermit mein Mitgefühl aus und zolle all diejenigen Respekt, die mithelfen, die Situation erträglich zu gestalten.


08.03.2020 +++ News +++ Bewegungsfreiheit für 16 Millionen Italiener eingeschränkt +++ Norditalien wird abgeriegelt +++ Kinos, Museen, Kunsthallen sind geschlossen +++ Schließung von Schulen, Kindergärten und Universitäten bis zum 15. März

Am Sonntag war noch alles gut!

Wie immer auf meiner Reise, suche ich für meinen sportlichen Ausgleich eine Rennradgruppe. Diesmal entsteht der Kontakt in einem kleinen Fahrradshop, in den ich mehr zufällig hineingestolpert war. Ich starte mit meinem Standardsatz: „Scusi. Non parlo italiano. Solo inglese…”. Simone, der junge Mann hinter dem Tresenschaltet sofort um. „We meet on Sunday at 8:30 to (h)ave a group ride. Come and join.”

Okay, denke ich. Das ist eine prima Chance Anschluss zu finden. Simone, hat mir auch versprochen, dass alle langsam fahren werden. Was ich ihm nicht abkaufe. Mit solchen Radfahrern habe ich meine Erfahrungen. Ich bin trotzdem erleichtert. Ich freue mich trotz der Corona-Situation meinen Alltagsroutinen nachgehen zu können.

Am Sonntagfrüh scheint die Sonne. Ich mache mich auf den Weg zum Treffpunkt. Sechs Herren in bestem Shape warten dort auf mich. „Buon giorno, tu è Patrizia?“ „Si, sono Patrizia!“ Da ich in meinem halbprofessionellen Rennrad-Outfit den Herren in nichts nachstehe, werden auch keine weiteren Fragen gestellt. „Andiamo!“, ruft einer. Und los geht’s.

Herrenmannschaft „Lazzaretti“

Innerlich halte ich die Luft. Die Luft, die mir bald ausgehen wird! Die Jungs werden wohl kaum auf eine Dame mit moderater Durchschnittsgeschwindigkeit warten. Und außer mir hat sich keine weitere Frau blicken lassen. „Hmmm…. Das wird seine Gründe haben“, grübele ich noch, während wir uns durch die Vorstadtstraßen, raus aus der Stadt bewegen. 

Nach der Ausfahrt bin ich glücklich und dankbar. Wenn ich wenigsten meinen Sport weitermachen kann, dann ist das mit der geschlossenen Sprachschule auch nicht so schlimm. Auch sonst macht sich niemand Gedanken um Corona und ggf. weitere Einschränkungen.

09.03.2020 +++ News +++ Ganz Italien wird zum Sperrgebiet erklärt +++ Sportbetriebe werden geschlossen +++ Sicherheitsabstand zwischen Menschen von mindesten 1m ist einzuhalten +++ Restaurants geöffnet bis 18 Uhr +++ Aufstände in Gefängnissen

Am Montag fasse ich noch Mut!

Am Montagfrüh mache ich mich auf den Weg zur Sprachschule. Ich habe eine Nachricht erhalten, dass man versuchen will den Unterricht per Skype weiterzuführen. Ein Lichtblick. In der Schule treffe ich auch Luz, meine argentinische Klassenkameradin wieder. Wir organisieren mit der Schulleitung jeweils Einzelstunden per Skype für den nächsten Tag.

Luz und ich sind guter Dinge. Ein kleiner Sightseeing-Ausflug zum ‚Castel Sant’ Angelo‘ oder zur ‚Piazza di Spagna‘ wird uns aufheitern. Die Sonne scheint. Eine frische Brise weht uns um die Ohren. Ein herrlicher Tag. Wir laufen herum, essen ‚gelato‘ und trinken ‚caffè‘.

Mit Abstand das beste Gelato: Bei ‚Guttilla‚

Alle Museen und Kunsthallen haben geschlossen. Wir schauen uns noch ungläubig an: „Hmm… they really take it serious!“. Die Stadt und die großen Plätze sind auffällig leer. Einige Touristen, die wie wir, ihr Glück versuchen. Die Geschäfte sind geöffnet. Allerdings herrscht wenig Betrieb. „Eigentlich“, denke ich, „ist dieser Zustand sehr angenehm“. Und doch unheimlich zugleich.

Noch gut gelaunt vor dem „Castel Sant‘ Angelo“

Am gleichen Abend mache ich mich auf den Weg in mein neues Sportstudio. Pilates-Kurs steht auf meinem Programm. Doch ich stehe vor einem verschlossenen Tor. Ich bin enttäuscht. Denke wieder, dass es nun doch ernster ist, als ich angenommen hatte. Mit hängenden Ohren mache ich mich wieder auf den Heimweg.

Mittlerweile gibt es über 7300 Coronavirus-Fälle im Land, ein Zuwachs von fast 1500 innerhalb von 24 Stunden. Die Zahl der Verstorbenen, die mit dem Coronavirus infiziert waren, erhöhte sich um mehr als die Hälfte auf 366.

10.03.2020 +++ News +++ Erlass des Decreto#Iorestoacasa +++ Schließung von Schulen, Universitäten bis 03. April ausgeweitet +++ Mehr Restaurants und Cafés schließen +++ Entspannte Stimmung in der Hauptstadt Rom +++ Einbruch des DAX

Am Dienstag gibt es etwas Zeit!

Nachdem ich meine erste Einzelstunde Italienisch-Unterricht per Skype hinter mir habe, brauche ich dringend ‚un caffè‘. Puuhh. Ganz schön anstrengend. So eine Einzelstunde ist ziemlich herausfordernd. Jetzt muss ich entspannen. 

Mit eigener Kaffeerösterei: Das ‚Marziali 1922‘

Also schlendere ich die Via delle Isole runter zum ‚Marziali‘. Es ist heute richtig warm und sonnig. „Herrlich“ murmele ich vor mich hin, „wenn das Wetter so bleibt, dann ist es auf jeden Fall besser als zuhause in Deutschland!“ 

Luz ist auch ganz pünktlich. Wir treffen uns zum ‚Lunch‘ im Marziali. Dort sitzen schon einige Leute. „Na, so schlimm kann es ja nicht sein. Wenn die hier noch offen haben…!“ Wir sitzen draußen an der schönen Piazza Caprera. Essen typisch italienisch und lassen uns die Sonne auf den Pelz brennen.

Anschließend fahren wir in die Stadt. Luz will noch ein paar schöne Dessous einkaufen. Und ich werde ihr beratend zur Seite stehen. Wir wandern die Via del Corso einmal auf, einmal ab. Hier und dort schlüpfen wir in die Geschäfte und schauen, was es Interessantes gibt. Wir sind nicht die Einzigen. „Was ist denn nun mit dem ‚Io resto a casa‘?“, frage ich mich.

Sightseeing mit Luz

Den Nachmittag verbringe ich zuhause. Um den schönen Garten meines Appartamento zu genießen, brauche ich keine Ausgangssperre! Wie jeden Abend verfolge ich die Nachrichten. Komme ins Grübeln. Wie schlimm ist es wirklich?

Innerhalb von 24 Stunden wurden 1800 neue Ansteckungsfälle registriert, insgesamt sind fast 9200 Italiener mit dem Virus infiziert. Die Zahl der Toten ist um fast 100 auf 463 gestiegen. Tödlich verläuft die Erkrankung vor allem für viele Ältere. Mehr als 40 Prozent der Verstorbenen waren älter als 80.

11.03.2020 +++ News +++ Restaurants, Cafés, Geschäfte müssen schließen +++ Lebensmittelhandel und Apotheken dürfen öffnen +++ Personen müssen Abstand von mindestens 1 Meter halten +++ Massenhafte Stornierungen von Hotelbuchungen

Am Mittwoch ist es dann soweit.

An diesem Morgen schlafe ich lange und bin guter Dinge. Nach der Einzelstunde mit meiner Lehrerin Viviana treffe ich mich mit meiner argentinischen Freundin Luz. Darauf freue ich mich schon. Luz und ich sind durch die Umstände hier ein eingeschworenes Team geworden. Das Marziali hat immer noch geöffnet. Ich bin angenehm überrascht, aber auch verwundert. Freue mich auf meinen ‚Caffè‘. Von den Neuigkeiten des Tages erfahre ich erst am Abend.

Luz hat beschlossen nach Hause zurück zu kehren. Sie hat nur 4 Wochen frei und wollte Sprachunterricht nehmen. Leute kennen lernen. Die Stadt erleben. Jetzt, wo sie nur die Skype-Einzelstunden bekommen kann, will sie nach Hause. „I can have the Skype lessons from everywhere. So I can sit at home and have a Skype lesson! And nobody knows how things will go in the next weeks.” Sie hat ganz überraschend einen Rückflug heute Abend nach Buenos Aires bekommen. Ich bin ein bisschen traurig, dass meine neue Freundin und gleichzeitig einzige Kontaktperson abreisen wird. „I stay“, sage ich zu ihr. “See the weather, Luz. Sooner or later in Germany, we would have to stay at home too. But with bad weather!” Ich lade Luz zu einem Interview „Morning talk with Pat“ ein. Ich will, dass ihr sie ein bisschen besser kennen lernen könnt.

Bevor sie abfliegt wollen wir nochmal schnell in die Stadt. Luz will die Sachen kaufen, die sie gestern gesehen hatte. Doch alle Geschäfte haben geschlossen. Mist, gestern waren sie doch noch geöffnet. Alles, wirklich alles ist verrammelt und verriegelt. Wir fahren mit dem Bus wieder nach Hause. Jetzt fühlt es sich wirklich „wirklich“ an! Statt einer Umarmung, werfen wir uns Küsse zu. Hier trennen sich unsere Wege.

Infolge der Coronavirus-Epidemie sind in Italien bislang mehr als 630 Menschen gestorben. Die Gesamtzahl der gemeldeten Infizierten mit dem Erreger Sars-CoV-2 übersprang in Italien diese Woche die 10.000er-Marke.

12.03.2020 +++ News +++ Restaurants, Cafés, Geschäfte bleiben geschlossen +++ Nur Lebensmittelhandel und Apotheken dürfen öffnen +++ Kontrollen werden verschärft +++ Einreisestopp nach Italien +++ Regierung beschließt Milliardenhilfen

Am Donnerstag gibt’s nichts zu lachen.

Es klopft an meiner Wohnungstür. Mein Airbnb-Host steht in Jogginghosen und ungekämmt vor mir. Mit seinem stark italienischen Akzent spricht er mich auf Englisch an: „Patrizia. I ave information for you. You must stay in ouse. It’s law! Only for Supermarket you can go!“

Offizielle Bekanntmachung

Ach du Kacke! Jetzt wird es ernst. Alle, wirklich alle Restaurants, Cafés und Geschäfte sind geschlossen. Nicht einmal das Marziali hat auf. „Dann ist die Lage ernst“, denke ich! Ich bin extra die Straße runter gelaufen, um nachzuschauen. Ich konnte es nicht so recht glauben. Luz weg. Caffè weg. Gelato weg!

Ich verbringe den Tag zuhause. Ein ganz seltenes Gefühl macht sich in mir breit. Verlassen sein. Heimweh. Seit ich am 1. September meine Reise begonnen habe, hatte ich das nur einmal. Damals hatte zu jedem Zeitpunkt die Freiheit etwas zur Ablenkung zu unternehmen. Ich konnte mich mit Leuten treffen. Sport machen. Schwimmen gehen. Das half immer!

Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt…

Klar! Lies ein Buch! Besser noch zwei. Mach Yoga! Nicht nur morgens, sondern auch abends. Pilates. Sinniere! Koch dir was Schönes! Viele gut gemeinte Tipps habe ich bekommen. Und sie haben alle Recht. Mir fehlt das Miteinander mit anderen. Der soziale Kontakt. Ein kleiner Facebook-Post hat mir ein paar virtuelle Streicheleinheiten verschafft. Nicht das Schlechteste in dieser Situation! Meine Gedanken rotieren hin und her. Soll ich bleiben oder gehen. Ich möchte bleiben.

Italien ist in Europa das am stärksten von der Coronavirus-Pandemie betroffene Land. Mehr als 12.400 Menschen haben sich mit dem Virus, das die Atemwegserkrankung Covid-19 auslöst, infiziert. Bislang starben 827 Menschen.

13.03.2020 +++ News +++ Verschärfung Einschränkungen Bewegungsfreiheit bis 03. April +++ Straßen und öffentliche Plätze menschenleer +++ Parkanlagen abgesperrt +++ Warten vor dem Supermarkt +++ Flashmobs in Italien +++

Freitag kann man nichts mehr machen!

Der Gang zum Supermarkt ist mir eine willkommene Abwechslung. Diesmal gehe ich nicht auf direktem Weg, sondern mache einen sehr großen Umweg. Es ist kühl draußen, aber sonnig. Die Luft tut gut. Die Straßen sind leer. Polizei ist überall präsent.

Vor dem Supermarkt wundere ich mich, weil die Leute offenbar draußen warten. Tatsächlich. Im Abstand von 2-3 Metern stehen sie mit leeren Einkaufstaschen und warten, bis sie hineingerufen werden. „Prego!“ Ein Mitarbeiter hinter einer Atemmaske winkt mich herein. 15 Minuten habe ich angestanden. Was sonst ganz zackig ging, braucht jetzt Geduld. Die meisten Kunden tragen einen Mundschutz. Die Mitarbeiter sind alle mit Gummihandschuhen und Mundschutz ausgestattet. Ich kaufe mehr als ich brauche. Nur ein sehr kleiner Hamsterkauf. Aber dennoch merkwürdig.  

Die Italiener verhalten sich außerordentlich diszipliniert. Sie sind geduldig und gelassen. Trotz der angespannten Situation. Statt zu verzagen, rufen sie zu Flashmobs auf. Sie singen und musizieren, während sie sich von ihren Balkonen aus zuwinken. Einer meiner Nachbarn lässt konsequent abends ab 18 Uhr lautstark „Staying Alive“ von den Bee Gees über die Dächer des Wohnviertels schallen. Es tut gut, sich in dieser doch heiteren und gelassenen Gemeinschaft zu wissen. ‚Andrà tutto bene‘ eben!

Für mich hat heute Morgen das Schicksal entschieden. Ich reise ab. Nicht das Coronavirus treibt mich aus dem Land. Ich habe eine Nachricht von meinem Arzt erhalten. Das Ergebnis einer Vorsorgeuntersuchung, die ich im Februar noch zuhause hatte machen lassen, liegt vor. Eine Biopsie steht an. Ich sollte nicht damit warten. Plötzlich macht mir das mehr Sorgen, als die Angst vor einer Corona-Ansteckung. Alles ist eben relativ!

Am 13. März 2020 waren bereits 15.113 Menschen in Italien mit dem Coronavirus infiziert, von denen 1.016 verstorben sind.

14.03.2020 +++ News +++ Wie Italien der Pandemie trotzt +++ Weitere europäische Länder ziehen nach +++ Quarantäneverpflichtung für Einreisende auch in Deutschland

Am Samstag haben es dann alle kapiert!

Samstag habe ich mich kaum aus dem Haus getraut. Allein schon, um meine Solidarität zu zeigen. Am frühen Nachmittag mache ich mich auf den Weg zum Bäcker. Das ist auch sonst ein guter Grund für einen kleinen Spaziergang. Zur ‚Forno Roscioli‘ gehe ich eine Stunde. Je länger desto besser in diesen Tagen. 

Die Straßen sind auffällig leer. Wenige Fußgänger mit und ohne Hunde. Wenige Autos. Busse und Straßenbahnen fahren. Alle tragen einen Mundschutz. Viele tragen Plastik- oder Gummihandschuhe. Ein paar Jogger nutzen die Gelegenheit, den Gehweg für sich zu haben.

Geschäfte sind verriegelt. Die Rollläden heruntergelassen. Vor den Supermärkten bilden sich Warteschlangen. Wie Perlenketten stehen sie im Abstand von zwei bis drei Metern voneinander entfernt. Zwischenzeitlich ein gewohnter Anblick.

Nix los. Das Cafe geschlossen. Der Park verriegelt.

Mein Weg führt mich die Via Nomentana entlang. Die sonst so belebte Verkehrsader ist nahezu leer. Mehr oder weniger kann ich nochmal alle berühmten Bauwerke bewundern. Ganz ohne Massen von Touristen, die den Anblick meist erschweren. Am Piazza Venezia mit dem berühmten ‘Altare della Patria’ ist keine Menschenseele. Am ‚Plaza de la Republicà‘ nichts los. ‚Io resto a casa!‘. Jetzt haben es alle kapiert. Ich auch!

Der berühmte ‚Altare della Patria’ und leere Straßen

Ich finde mich mit meinem Schicksal ab. Es ist wie es ist. Morgen packe ich meine Koffer. Am Dienstag fliege ich nach Frankfurt. Mal sehen, ob und wie sie mich rein lassen. Auf diese Weise lerne ich das auch noch kennen. Humor ist, wenn man trotzdem lacht!

Bis zum 14.03.2020 wurden weltweit 147.457 bestätigte COVID-19-Fälle und darunter 5.582 Todesfälle berichtet. 55% der Fälle sind in China aufgetreten. Immer mehr europäische Länder schließen ihre Grenzen. Weltweit setzen sich strengere Maßnahmen zur Eindämmung der Virusinfektion durch.

Week #27

Start mit ‚Impraticabilità‘

La dolce Vita

Am letzten Sonntag landet mein Flugzeug mittags in Fiumicino. Als das Taxi mich abholt und zum meinem Airbnb bringt, schüttet es schon mächtig. Es ist kalt und unangenehm klamm. Mein Vermieter öffnet mir die Tür und zeigt mir mein kleines Kellerdomizil. „Brrrr …!“ Hübsch, aber arschkalt hier! In der alten Villa wird wohl an der Heizung gespart?!

Das ‚Appartamento‘ wurde in einem ehemaligen Gewölbekeller eingerichtet. Mit „authentischer“ Ausstattung! Das heißt, das Mobiliar ist alt, zum Teil antik. Ziemlich abgewohnt und leicht ungepflegt. Die Küche ist etwas schmuddelig. Das Küchengerät ist gerade mal für das Nötigste zu gebrauchen. Okay, es gibt einen Kaffeekocher. Das ist wichtig. Kühlschrank ist zwar etwas angeschimmelt, aber funktioniert. Und, Überraschung. Eine Spülmaschine. Dennoch, alles passt irgendwie zueinander und es macht sich trotz der Kälte eine gewisse Gemütlichkeit breit.

Es ist Nachmittag und ich muss einen Supermercato finden, der sonntags geöffnet hat. Das übliche Programm startet: Futter sichern, Umgebung erkunden, Koffer auspacken, Fahrrad zusammenbauen. Es regnet. Widerwillig mache ich mich auf den Weg. Die Wohngegend ist abseits des ‚centro‘. Das ‚municipio II‘ [munitschipio] umschließt die Stadtteile Parioli, Nomentana, San Lorenzo und Teile von Trieste. Kaum Touristen. Auch, wenn Corona seine Auswirkungen noch kaum spüren lässt. Es sind gefühlt weniger Touristen als sonst. Nicht weit zu Fuß gibt es Straßenbahn- und Busstationen. Abgesehen vom Wetter, erst einmal alles ‚perfetto!‘

Eingang der Airbnb-Villa und angrenzender Park, Via delle Isole

Es dämmert schon, als ich mich auf den Heimweg mache. Mit einem Rucksack voll Lebensmitteln auf dem Rücken, stapfe ich durch den Regen, in die Via delle Isole! Meine Hände sind fast abgefroren, ich schon völlig durchnässt und die Wohnung ist auch noch kalt. Bäääh! Ich mache mir einen Eimer Tee, mummle mich in eine Decke und schaue italienisches Fernsehen. Eine leichte Depression überkommt mich. Ich will nach Hause! Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt, das ‚dolce vita‘!

Der erste Tag. Der erste Eindruck.

Am nächsten Morgen sind Ungeduld und schlechte Laune verflogen. Die Heizung funktioniert und es ist mollig warm. Neuer Tag, neues Glück! Ich mache mich auf den Weg zur Sprachschule in der Via Cosenza. Mist, draußen ist es immer noch so kalt. Warum habe ich eigentlich keinen dicken Mantel, Schal und Mütze mitgenommen? 

Zur Schule laufe ich ungefähr 15 Minuten. Ein schöner, erfrischender Spaziergang. Mein Weg führt zunächst durch den kleinen Park „Villa Paganini“, dann quer über die Via Nomenata, zur Via Alessandro Torlonia, geradeaus, einmal rechts, einmal links und schon bin ich in der Via Cosenza. Morgens um 8:30 Uhr ist die Hölle los. Auto, Busse, Vespas, Motorräder, Fahrradfahrer, Fußgänger. Die Via Nomentana ist eine der Hauptverkehrsadern in Rom. Ich versuche mitzuhalten und schlüpfe durch parkende Autos, springe bei Rot über den Zebrastreifen, um möglichst nicht aufzufallen.

Umgebung am Corso Trieste

Der Zustand der Straßen ist nicht besonders gut. Besonders die Gehwege sind ziemlich mitgenommen. Schlaglöcher, unebenes Kopfsteinpflaster, aufgebrochener Asphalt. Und da kommen sie mir entgegen. Die stolzen und schönen Italienerinnen. Elegant gekleidete Frauen auf hochhakigen Schuhen. Egal wie schlecht der Zustand des Untergrunds zu sein scheint, sie laufen, als wären sie in Pantoffeln unterwegs. Für mich ein wahres Kunststück, das sie vollbringen. Dieser Anteil an italienischem Genmaterial ist bei mir jedenfalls nicht gelandet. Nach wenigen Metern wäre ich bereits umgeknickt, hätte schmerzende Füße und würde ziemlich unbeholfen aussehen!

… nur eine kleine Assoziation der weiblichen Fußbekleidung

Die Italiener, die Römer. Sie sind modebewusst, elegant, stolz. Nicht nur die Frauen. Die schicksten Männer findet man in Italien! Die Klamotten immer adrett. Die Haare immer fesch. Sonnenbrille wird immer getragen, auch wenn keine Sonne scheint! Um nicht weiter als deutsche Touristin aufzufallen, beschließe ich, noch am gleichen Tag einen Ausflug auf Rom’s Shoppingmeile ‚Via del Corso‘ und ‚Via die Condotti‘ zu machen. Die Metamorphose kann beginnen!

Non parlo italiano!

Mein Sprachkurs startet um 9:00 Uhr. In meiner Anfängergruppe sind noch ein japanisches Künstler-Pärchen, ein amerikanischer Franziskanerbruder, eine amerikanische Schülerin, ein deutscher Ingenieur und eine argentinische Sprachstudentin. Die Alterspanne reicht von 17 bis 65. Es verspricht lustig zu werden. Alle sind sehr nett und aufgeschlossen. Der Unterricht läuft ausschließlich auf Italienisch. Eine Herausforderung.

Sprachschule Torre di Babele, Via Cosenza

Come ti chiami? Mi chiamo Patrizia. Di dove sei? Sono tedesca di Francoforte. Quanti anni hai? Ho cinquantasei anni. Und so weiter und so fort. Nach zwei Stunden raucht mir bereits der Kopf. Aber es macht Spaß. Wir lernen das ‚Alfabeto italiano‘ und die Grundregeln der Aussprache. Die im Übrigen ganz viele Ausnahmen haben. Die Zahlen, die ‚Grammatica de sostantivi‘ und die ‚articoli‘. Die ‚articoli‘ sind die Schlimmsten: ‚Un, un‘ uno, una. Ich bin schon ganz wirr!

Sprachunterricht im A1 Modus

Drei Tage geht so. Und dann…. schlägt das Coronavirus zu. Die Schule muss zwei Wochen lang schließen, weil die Regierung angeordnet hat, dass alle Schulen, Kindergärten und Universitäten geschlossen bleiben müssen. Auch meine Sprachschule!

Hmmm… schade. Aber wahrscheinlich eine vernünftige Maßnahme. Für mich heißt es nun, mich mit dem Wenigen, was ich gelernt habe, durchzuschlagen. „Scusi. Non parlo italiano. Solo inglese. E un po‘, po’ d’italiano!

Auf geht’s!

… die italienische Herzlichkeit!

Endlich habe ich das richtige Plätzchen gefunden. Zum Sinnieren, zum Schreiben. Meine neue Muse heißt ‚Marziali1922‘. Eine Bar bzw. Ristorante, direkt am Piazza Caprera. Ich setze mich draußen in die Sonne und bestelle ‚un cappuccino e un cornetto‘. Das kann ich schon ganz gut. Mein Blick geht über einen kleinen Brunnen mit badenden Figuren mitten auf der Piazza, rüber auf eine elegante Stadtvilla in venezianischen Baustil. Die Villa hat eine große Dachterrasse, auf der einige exotische Topfpflanzen stehen.

Bar & Ristorante Marziali 1922

Die Piazza Caprera liegt nur zwei Minuten Fußweg entfernt von meinem ‚Apartmento‘ in der ‚Via delle Isole‘. Es ist eine ruhige Nachbarschaft. Villenartige Wohnhäuser, manchmal leicht verwahrlost, manchmal schick renoviert, reihen sich aneinander. Enge Gassen, parkende Autos, die sich an die Hausmauern drücken. Die Stadtvilla, in der ich wohne grenzt an einen kleinen Park. Dort ist es ein wenig verrottet und verwahrlost. Das ist die Luft, die man in Rom einatmet. Hier bin ich genau richtig!

Es vergehen keine zehn Minuten nachdem mein Cappuccino kommt und ich habe ein Glas Prosecco vor mir stehen. Mein Nachbartisch, eine Gruppe von Italienern fragt mich, ob ich ein Foto von ihnen machen kann. „Assolutamente“, sag ich und im nächsten Moment sind wir Freunde. „Di dove sei?“ ich erinnere mich an meinen ersten Sprachunterricht, den ich Montagvormittag hatte und antworte: „Sono tedesca!“. Der erste schwenkt auf Englisch um und stellt sich vor: „I’m Nicolo. That’s Mario and Leonardo. And this is Carolina. Nice to meet you.“ Obwohl ich keinen Alkohol trinke, wehre ich mich nicht und stoße mit den vieren an.

Eigentlich wollte ich ein bisschen für den Blog schreiben. Doch die vier sind so überschwänglich herzlich, so dass es auch nicht lange dauert, bis ich am Nachbartisch mittendrin sitze. Nico, 30 Jahre und Ingenieur. Seine Mutter ist Schwedin, sein Vater Italiener spanischer Herkunft. Er spricht alle drei Sprachen fließend und nebenbei sehr gut Englisch. Mario, ein Künstler mit zwielichtiger Vergangenheit, ist 60 Jahre alt. Seine Frau stammt aus St. Pauli, Hamburg. Stolz erwähnt er, dass eines seiner Kunstwerke dort im Pornomuseum ausgestellt sei. Leonarda ist 32 Jahre alt und möchte bald eine Bar hier in Rom eröffnen. Und Carolina hat gerade mit 28 ihr Anthropologie- und Medien-Studium abgeschlossen, aber noch keine Arbeit gefunden.

Italienische Herzlichkeit

Es scheint als hätten die vier etwas zu feiern, aber es ist einfach nur Wochenende. Eine Flasche Prosecco folgt der anderen. Die Kellnerin bringt Pigoli. Eine typisch römische Leckerei. Knuspriges, flaches Brot mit unterschiedlichen Füllungen. Einfach ‚delicato’. Während ich mich mit dem Prosecco durchmogele, haben die anderen schon einen gehörigen Schwips: „Patrizia, why don’t you join for lunch tomorrow. We show you our city. We love our city! Englisch und Italienisch purzelt durchei nander. Wie schön ihre Stadt sei; dass es viele Probleme gäbe; dennoch sie lieben ihre ‚città‘. Wer nicht aus Roma komme, dürfe sich gar kein Urteil erlauben!

Leonardo & Nicolo vor der venezianischen Stadtvilla

Als sie mich noch zum ‚Nightlife of Rome‘ mitnehmen wollen, beschließe ich mich langsam zu verabschieden. Nun geht es mir doch wirklich etwas zu schnell. Unter Alkohol passieren oftmals merkwürdige Dinge. Trotz Coronavirus verabschieden wir uns mit ‚bici-bici‘. Darauf kann man hier einfach nicht verzichten!

„Ach“, murmele ich noch, als ich mich vom Piazza Caprera nach Hause bewege, „die haben meinen holprigen Start hier echt wett gemacht!“

Und dann, die Woche drauf, sollte sich alles um den Coronavirus drehen….

Week #26

Wenn der März kommt, bin ich weg!

Wer mag kann die doppeldeutige Überschrift auch als politische Aussage werten. Für eine kleine Stippvisite, zurück in Deutschland, schlägt mir nicht nur das regnerische, klamm-kalte Wetter, sondern auch die heimischen Politmisere ins Gesicht.

Jetzt ist Sabbat-Halbzeit. Ich freue mich auf Freund(e), Familie, liebe Kollegen. Auch ein paar private Dinge erledigen. Steuererklärung abgeben (muss auch sein!). Koffer umpacken für die zweite Halbzeit. Jetzt warten wieder maßlose, großzügige 26 Wochen voller Entdeckungen und Überraschungen auf mich. Ab März bin ich in Bella Italia! Erst Rom, dann Südtirol.

Noch in USA, auf den Spuren meiner Herkunft, habe ich einen Ancestry-Test, also einen DNA-Test, durchführen lassen. Nun weiß ich, dass genau 17,2% italienisches Blut in mir schlummert. Mal schauen, was passiert, wenn ich dieses knappe Fünftel in mir aktiviere.

Vielleicht eine Römerin…?

Bella Italia

Rom – ahhhh, Roma! Die ewige Stadt. Das Freilichtmuseum mit morbidem Charme. Die Stadt der Liebe. Die Hochburg des ‚Dolce Vita‘. Gelato e Cappuccino.

Versteckte Schönheiten hinter jeder Mauer

Diesmal tauche ich unter erschwerten Bedingungen ein. Ich spreche die Landessprache nicht. Kein Italienisch, kein Zugang zu Land und Leuten! Was heißt das? Das heißt, ich werde wohl Italienisch lernen müssen. ‚Madonna…!‘ Das wird etwas!

Mit diesem aufgeregten Kribbeln im Bauch, der reinen Vorfreude und Entdeckungslust, packe ich gerade meine Koffer.

Wie wär‘s mit einem Kurztrip?

Apropos Koffer packen: Wer hat Lust mitzukommen? Einmal kurz Rom schnuppern? Ich „verlose“ ein kleines Genuss- Wochenende für eine Person. Entweder am 03.04.-05.04.2020 oder am 08.05.-10.05.2020. Zwei Übernachtungen – Einzelzimmer mit Frühstück – in meinem kleinen Appartamento in der Villa Paganini.

Ihr müsst nur drei kleine, einfache Fragen beantworten:

1. Was bedeuten die Buchstaben SPQR auf römischen Kanaldeckeln?

2. In welchem Jahr wurde Rom gegründet?

3. Nach wem wurde die Stadt Rom benannt?

Melde sich, wer Lust und Zeit hat, über Patricia.Seeliger@gmx.de oder PN über Facebook. Ich freue mich, den römischen Spaß mit Dir zu teilen!

Buona fortuna!

Week #22

Let’s talk about ‚Health‘, Baby!

Der Tagesablauf hier hat einen gewissen „Healing Effect“. Ich schlafe viel, bin träge. Bleibe abends zuhause. Gehe früh schlafen. Ernähre mich gesund. Am Vormittag sorge ich meist für meine Bewegung. Gehe am Strand spazieren. Mache meine Gymnastik. Gehe Schwimmen. Fahre Rad. Gehe ins Yoga. Lass es mir gut gehen.

Die letzten zwei Wochen hat mich das Thema „Gesundheit“ besonders umgetrieben. Nach fast sechs Monaten ‚Power-Relaxing‘ im Sabbatical, viel Bewegung und Rückengymnastik, ging es mir richtig gut. Kaum Schmerzen. Dann hat mich letzte Woche mein Übermut eingeholt. Ich dachte, ich könnte es mal wieder mit etwas ‚Joggen‘ versuchen. Nach ca. einem Kilometer war Schluss. Der alte, fiese Schmerz kam zurück. Mist! Ich lag sieben Tage flach. Mit Frust, Voltaren und Wärmefläschchen.

Die Superzahl „7“

Wolke Sieben 😉

Die Sieben ist übrigens eine faszinierende Zahl. Dass die Sieben meine Lieblingszahl ist, ist nichts Besonderes. Fragt man zehntausend Leute nach ihrer Lieblingszahl, dann landet die Sieben mit 10% der Befragten mit Abstand auf Platz 1. Das liegt daran, dass wir die Sieben mit so vielen Dingen verknüpfen. Sieben-Tage Woche. Sieben Kontinente. Die Sieben Planeten in der Antike. Wir packen unsere sieben Sachen. Wir fürchten die sieben Todsünden. Lesen in Büchern mit sieben Siegeln. Verliebt, landen wir auf Wolke Sieben oder im siebten Himmel. Und wenn wir es eilig haben, dann sind wir in Siebenmeilenstiefeln unterwegs. Die moderne Wissenschaft bestätigte unlängst, dass die aus der Bibel bekannten sieben fetten und sieben mageren Jahre tatsächlich einem bestimmten Wasserstandzyklus des Nils entsprechen.

Die Superzahl Sieben zeigt sich in meiner bescheidenen Existenz auf andere Weise. Ich habe sieben Jahre lang gespart, um mir dieses Sabbatical zu leisten. Nach meiner Rücken-OP habe ich mir, nachdem es nach zwei Jahren nicht geklappt hat, sieben Jahre Zeit gegeben, um wieder vollständig gesund zu werden. Für mich eine „life changing decision”. Ich habe nur nicht immer die Geduld durchzuhalten. Da traf ich Heysoon…

Heysoon und die sieben Chakren

Schöner Unbekannter am Strand in Warrier II Pose

Diese Woche war ich, wie jede Woche im Yoga Kurs des YMCA-Sportclub. Dort traf ich Heysoon, die ausnahmsweise als Vertretung der bisherigen Yoga-Lehrerin, die Stunde übernommen hatte. Der Yoga-Raum ist groß. Es sind mindestens 30 TeilnehmerInnen da. Jung, alt. Dick, dünn. Frauen und auch Männer.

„My name is Heysoon. I am 75 years old. I’m teaching Yoga and Pilates since many, many years”. “What?“, denke ich laut, „75 Jahre?“, nicht zu glauben. Sie ist asiatischer Abstammung, ‘skinny’ und scheint den Körper einer 35-jährigen Sportlerin erhalten zu haben.

Während sie die sieben Chakren aufzählt und ausgewählte Übungen anleitet, läuft sie zwischen den Amateur-Yogies herum, korrigiert den einen oder die andere. Mit ihrem zart ausgeprägten asiatischen Akzent wirkt sie witzig: „You know, evely teacher has a different style. So don’t wolly. I will only teach a few things….”. Sie läuft an mir vorbei. Korrigiert meine Haltung. Mir fällt ihr Sport-Trikot auf. Auf dem Ärmel vorne und hinten die amerikanische Flagge. Auf der Rückseite irgendetwas von ‚World Champion… Dings‘, ‚Gold-Medal‘ und ein paar Jahreszahlen. Ich kann es nicht entziffern. Sie ist schon wieder zu weit weg.

Heysoon redet mit klarer Stimme auf uns ein. Heute konzentriert sie sich auf unser ‚Muladhara-Chakra‘ und ‚Svadhistana Chakra‘. Was mir gerade wegen meiner Rückenschmerzen sehr entgegen kommt. Solange bis unser Chakra ausbalanciert und die Asanas richtig sitzen. Wir biegen uns zwischendrin zum ‚Downward-facing Dog‘, dehnen uns in die ‚Cobra‘, wieder zum ‚Dog‘, dann zum ‚Frog‘. Um irgendwann, schließlich unsere Vollendung im ‚Warrier I-III‘ zu finden.

Ich bin beeindruckt von Heysoon. Von ihrer Kompetenz und herzlichen Strenge, mit der sie jede Feinheit der Ausführung beobachtet. Nach der Stunde spreche ich sie an, ob sie bereit wäre mir ein „Personal Training“ zu geben. Ich habe die Hoffnung, dass sie mir Tipps für meine Rückübungen geben kann. Wir verabreden uns.

If I can do, you can do it, too!

Zuhause google ich sie. Ich will wissen, was es mit dem Schriftzug auf ihrem Sport-Trikot auf sich hat. Das Rätsel löst sich schnell: Heysoo Lee. US-Bürgerin koreanischer Abstammung. 75 Jahre. Altersklassen-Athletin der US Triathlon Nationalmannschaft. 6-fache Goldmedaillen-Gewinnerin in einer der Disziplinen Triathlon, Duathlon oder Aquathlon. Ihre „Gold-Karriere“ beginnt im Alter von 60 Jahren. Ihre jüngste Goldmedaille holt sie in der Altersklasse zwischen 70-74. Zugegebenermaßen ist in dieser Altersklasse die Zahl der Konkurrentinnen nicht mehr sehr hoch. Dennoch, Hut ab!

Bildcollage Heysoon Lee, USAT Florida Veröffentlichung 2015

Wir treffen uns drei Tage später in einem Gymnastikraum des YMCA-Club. Sie erzählt mir ein wenig von sich. Von ihrer späten Sportlerkarriere und warum sie den Sport liebt. Ihre Augen blitzen frech. Ihre Körpersprache ist energetisch. Sie kommt direkt und fokussiert auf einige Dinge zu sprechen, die ich ausprobieren und trainieren kann, um meine Schmerzen dauerhaft loszuwerden zu können.

Tipps & Tricks von Heysoon – voll digital!

Sie hebt den Zeigefinger in die Luft: “If I had only one word for Yoga, it’s flexibility. If I had only one word for Pilates, it’s stability. You, you need stability!”

If I had one word for Yoga, it’s Flexibility.

If I had one word for Pilates, it’s Stability.

You need Stability!

Heysoon Lee

Sie zeigt mir verschiedene Pilates-Übungen. Erklärt mir genauestens die Ausführung, damit ich gezielt die richtigen Muskeln treffen kann. Ich bekomme spezifische Literatur-Tipps und lande schließlich im Swiming-Pool des Sportclubs zum einstündigen Water-Run.

Jahrelang habe ich mich durch die sieben Chakren gebogen und kam nie auf die Idee Pilates zu machen. Genauso wenig wie ich an ‚Water Run’ dachte!

Water Run: Langweilig, aber effektiv!

Heysoon kennt das Drama von andauernden Rückenschmerzen und hat die Hürde genommen. Sie ist der gleichen OP entgangen, die ich habe vor drei Jahren durchführen lassen.

“If I can do, you can do it, too!”. “Ha, ha, wohl kaum”, denke ich. Wettkämpfe sind für mich vorbei. Sie meinte natürlich nicht, dass ich eine Goldmedaille gewinnen könnte ;-). An mir ist, weiß Gott, keine Sportlerkarriere verloren gegangen. Aber sie spricht mir Mut und Zuversicht zu: „Practice every day. Meditate five minutes every morning. And keep your mind up!“

Nach knapp zwei Stunden trennen sich unsere Wege wieder. Sie flitzt aus dem Gymnastikraum und hinterlässt mich zwar etwas ungläubig, aber hoch motiviert.

Week #20

Bäcker können etwas, woran andere scheitern. Sie können anpacken und haben Fingerspitzengefühl. Sie kennen das Geheimnis der Zubereitung von deftigen Roggensauerteig und krossem, krustigen Brot. Sie sind technisch begabt. Jonglieren mit Gewichten, Maßeinheiten, Temperaturen und Zeiten. Sie balancieren mit Hefepilzen und Milchsäurebakterien. Ein Handwerk, was sich für mich immer als Kunstwerk erwies. Früher, als mein Vater seinen ersten Beruf lernte, war das leider etwas anders. Bäcker zu Sein war nichts Besonderes und gesellschaftlich auch nicht sonderlich anerkannt. Ein Lehrberuf der viel abverlangt und meist keine besonderen Entwicklungsmöglichkeiten bietet. In dieser Geschichte kam es jedenfalls anders.

Der Bäckerlehrling

Mein Vater war 13 Jahre alt, als er seine Bäckerlehre in einer Bäckerei in Worms begann. Sein Vater, mein Großvater Fritz, war Bäckermeister. Mein Urgroßvater sogar Bäckerobermeister. Es war üblich, dass der Sohn nicht im elterlichen Betrieb lernen sollte. Also sucht man ihm eine Lehrstelle in einer anderen Stadt. 

Für meinen Vater ein vorgezeichneter Weg, der sich durchaus anbot. Denn weiterhin die Schulbank drücken, machte ihm keine Freude. Zwei Jahre lang lebte er als Bäckerlehrling in einer kleinen Dachmansarde bei seiner Lehrfamilie. Die Familie behandelte ihn gut. Er bekam ausreichend zu Essen und wurde freundlich in die Familie aufgenommen. Von Montagfrüh bis Samstagnachmittag verrichtete mein Vater seinen Dienst. Fünf Mark Wochenlohn stand ihm dafür zu. Damit fuhr er am Wochenende mit der Bahn nach Hause in den elterlichen Bäckerbetrieb nach Lorsch.

Außer ihm selbst und dem jungen Lehrvater, gab es noch den Senior in der Backstube. Der ‚Alte‘ war streng und ungeduldig. Schon morgens trank er einen Schoppen Wein. Im Laufe des Tages war er meist betrunken. Dann wurde er besonders ungerecht, schimpfte meinen Vater aus und drohte ihm Schläge an.

Mein Vater war immer ein guter Arbeiter. Wollte seine Aufgaben richtig machen. Freute sich, wie jeder andere, über Lob und Anerkennung. Jeden Morgen um vier Uhr in der Früh ging es los. Er schlüpfte in die mehlstaubigen, karierten Bäckerhosen. Zog das Baumwoll-T-Shirts und die Bäckermütze an.

Nachdem er angelernt wurde, konnte er die Handgriffe und Routinen selbständig erledigen. Es war immer der gleiche Ablauf. Tag ein, Tag aus. Zuerst wurde der Sauerteig des Vortages ‚eingemehrt‘. Dann wurde der Ofen hoch geheizt. Zuerst kam die ‚weiße Ware‘, also die Brötchen und Kaffeestückchen dran. Dann das Brot. Weißbrot, Rogen-Misch und was sonst so gekauft wurde. Und wenn das Tageswerk erledigt war, machte er sich ans Aufräumen und Putzen. 

Es war früher Nachmittag bis alle Handgriffe erledigt waren. Danach stand das Ausfahren der Lieferware auf der Aufgabenliste. Mit dem Fahrrad und einer ‚Kiepe‘ auf dem Rücken, radelte er die Backwaren zu den Kunden. Abends fiel er todmüde in sein Bett. Denn am nächsten Morgen sollte der Wecker schon wieder bimmeln.  

An einem Nachmittag im Frühherbst kam der ‚Alte‘ in die Backstube, um wie immer seinen Kontrollgang zu machen. Er hatte immer etwas auszusetzen. Mein Vater ließ die gewohnten Meckereien über sich ergehen. Doch diesmal war es anders. Der Alte kam wieder einmal betrunken in die Backstube. Er war sofort auf Hundertachtzig. Irgendetwas hatte mein Vater wohl falsch gemacht. Aber bevor ihm klar wurde, worum es ging, ging der Alte, den ‚Schießer‘* in der Hand, auf ihn los. Er drohte ihm Prügel an und jagte ihn durch die Backstube. Man kann sich leicht vorstellen, dass mein Vater mit seinen knackigen 15 Jahren flink und wendig war. Der Alte verfolgte ihn um die Arbeitstische herum. Mein Vater wich aus, rannte durch die schmalen Arbeitsgänge zwischen den Tischen. Rechts. Links. Rund herum.

*Schießer = An der Vorderkante abgeflachtes Brett mit langem Holzstiel, zum Einschießen der Teiglinge in den Ofen.

Er war in den letzten zwei Jahren Lehrzeit von der vielen Arbeit kräftig und geschickt geworden. Jetzt hatte er die Nase voll. Er wich aus, schnappte blitzschnell nach dem Alten und riss ihm den Schießer aus der Hand. Packte ihn und nahm ihn in den Schwitzkasten. Der Alte ächzte und schrie. Es hat sicher ein paar Minuten gedauert, bis der junge Lehrvater den Lärm mitbekommen hatte. Er rannte aus dem Verkaufsraum rüber in die Backstube und löste das Handgemenge zwischen seinem wehrhaften Lehrling und seinem alten, betrunkenen Vater auf.

Meinem Vater wurde danach der Lehrvertrag gekündigt. Der Übergriff auf den ‚Senior‘ war nicht akzeptabel. Das letzte Jahr seiner Lehre musste er im elterlichen Betrieb fortsetzen. Mit 17 Jahren schloss er als Bäckergeselle seine Ausbildung ab. Dann zog es ihn raus. Er suchte sich eine Anstellung und arbeitete zuletzt in einer Bäckerei in Düsseldorf.

Post aus dem Pentagon

Proof of Registration, 1956

Dort in Düsseldorf erreichte ihn die Nachricht, dass ein Brief aus dem Pentagon, USA an seiner Heimatadresse in Lorsch angekommen war. Das ‚Department of Defense‘ meldet sich mit der Mitteilung, dass er zum Militärdienst eingezogen werden könne. Eine kleine Überraschung, die da auf ihn zukam. Ihm war bisher nicht bewusst, dass seine Mutter Betty ihn kurz nach seiner Geburt im US-Konsulat als neuen amerikanischen Erdenbürger angemeldet hatte.

Stolz und aufgeregt erschien er im Herbst 1956 im Konsulat in Frankfurt. In dem kleinen Amtszimmerchen ‚Draft for Military Service‘ saß ein ‚Recruiter‘, der die wehrpflichtigen jungen Männer über ihre Pflichten und Möglichkeiten informierte. Er brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden.

Was konnte ihm eigentlich Besseres passieren, als in den Militärdienst einzutreten. Er hatte keine Angst oder Vorbehalte. Im Gegenteil. Er fand es abenteuerlich und aufregend. Wenn er sich drei Jahre verpflichten würde, dann würde man ihn nach USA zur Grundausbildung schicken. Man würde ihn irgendwo in USA stationieren. All das klang nach einem wunderbaren Abenteuer.

Auch wenn mein Vater zu diesem Zeitpunkt kaum Englisch sprach und noch nie in den USA war, fühlte er sich durch seine Herkunft mit der Vorstellung ein Amerikaner zu sein, sehr verbunden. Die Papiere, die ihm der Recruiter im Konsulat vorlegte, unterschrieb er direkt. Schon im Februar des Folgejahres würde er mit einem Militär-Schiff nach USA übersetzen.

Vom Bäcker zum Koch

Im Februar 1957 stach der Truppentransporter der US-Marine am Bremerhaven in See. Mit etwa hundert anderen jungen Männern überquerte das Schiff den Atlantik und kam 10 Tage später im Hafen von New Jersey an. Nach der Ankunft wurden die Männer direkt nach Fort Dicks weiter transportiert. Dort absolvierten sie ihre militärische Grundausbildung.

Sein spärliches Schulenglisch reichte nicht aus. Er verstand am Anfang „Null“. Doch die vier Wochen vergingen schnell. Sein Stubenkamerad half ihm, die Dinge zu verstehen. Marsch, Links, Rechts. Jeden Abend ging er ins Kino, um die fremde Sprache aufzunehmen. Und bald hatte er das Nötigste in seinem Englisch-Repertoire.

Auch wenn mit ihm als Soldat zunächst nicht viel anzufangen war, waren seine Fähigkeiten als Konditor und Bäcker gut zu gebrauchen. Man schickte ihn in die Kochschule im Fort Lee, North Carolina. Er sollte später in einem Kasino oder Verpflegungstrupp eingesetzt werden können.

Erinnerungen an 1957

Das Glück war ihm hold. Die Bäcker und Konditoren-Ausbildung, die er vorzuweisen hatte, verhalfen ihm zu einem Alleinstellungsmerkmal. Denn das Offizierskasino des Hauptquartiers in Norfolk, Virgina suchte speziell einen Koch, der diese zusätzliche Qualifikation hatte. Keiner der anderen Köche hatte das vorzuweisen. Also fiel die Wahl auf ihn.

Specialist „Cook“ Gerhard Krebs, 1957

Im Offizierskasino beglückte er die Generäle und Offiziere mit gutem deutschen Brot und anderen Leckereien. Seine Aufgabe machte ihm Spaß. Stolz trug er seine weiße Koch-Uniform!

Ich komme aus einer Bäckerfamilie und bin in einem Bäckerei-Betrieb aufgewachsen. Darauf bin ich stolz. Mit dem Bäckerhandwerk meines Vaters und auch Großvaters verbinde ich viele, schöne eigene Erinnerungen. Auch wenn mein Vater einige Jahre später (da war ich schon acht Jahre alt) das Bäckerhandwerk an den Nagel hing und andere Talente entdeckte, backt er heute noch „sein“ Brot. 

Wie das geht, erfahrt ihr im nächsten Beitrag 🙂

Week #18

Wo Lebensgeschichte lebendig wird

In die Erinnerungen meiner Eltern mit einzutauchen, ist für mich wie das Zusammenbauen eines komplizierten Puzzles. Ich habe noch kein ‚Big Picture‘ vor Augen. Ich versuche die Randstücke zu finden, um irgendwie Anfang und Ende des Bildes sehen zu können. Wie Einzelteile liegen die ‚Flashbacks‘ vor mir. Immer dann, wenn ich ein paar kleine Geschichten, die meine Eltern erzählen, zu einem Bildfetzen zusammenbauen kann, bin ich ganz fasziniert. Der folgende Ausschnitt fesselt mich besonders, weil er für mich Geschichtsbücher lebendig werden lässt:

Im Luftschutzkeller

Mein Vater Gerhard ist acht Jahre alt. Ein Dorfjunge wie jeder andere hier in Rimbach im Odenwald. Er ist im 2. Weltkrieg aufgewachsen. Immer mal wieder ertönte der Heulton des Fliegeralarms und alle Dorfbewohner mussten sich in die ausgewiesenen Luftschutzkeller retten.

März 1945. Ein Tag, Ende März, an dem das Kriegsende nahte. Ein Alarmruf tönte. Man sollte sich im Luftschutzkeller im gegenüberliegenden Bauernhofverstecken. Gerhard rannte mit seiner Familie, seiner kleiner Schwester Margot, Mutter Betty und Großmutter Bawette (Barbara), rüber.

Die ganze Nachbarschaft hatte sich im Schutzkeller versammelt. Da hockten sie nun alle. Frauen, Kinder und Alte. Alle die, die nicht an die Front gegangen waren. Die Nachricht, dass die Amerikaner kommen würden, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Von allen Seiten her marschierten die Alliierten in Deutschland ein. Die Amerikaner näherten sich Rimbach vom Rhein bei Oppenheim kommend. Darmstadt und Bensheim wurden eingenommen. Eine kleine Einheit amerikanischer Soldaten setzt sich ab, um die Städte und Dörfer nach versteckten deutschen Soldaten zu durchsuchen. Sie gehen zu zweit von Haus zu Haus. Wenn keiner öffnet, treten sie die Haustür auf.

Einmarsch der Amerikanischer in Bensheim, 27. März 1945

Gerhard kletterte auf eine Kiste, um aus dem Kellerfenster des Schutzkellers auf die Straße blicken zu können. Er beobachtet, wie genau gegenüber zwei amerikanische Soldaten die Treppenstufen des gegenüberliegenden Hauses hochstapfen.

Ein Nachbar, der auch am Kellerfenster hing, rief: « Bawette, alleweil gäin se on doi Dor ». Großmutter Bawette hastet aus dem Schutzkeller, die Treppe hoch, wild gestikulierend über die Straße. Was Gerhard dann sah, ließ ihm förmlich die Kinnlade herunterfallen. Als die zwei bewaffneten Soldaten anschickten die Haustür aufzubrechen, schrie Großmutter Bawette die beiden an und fuchtelte wild mit den Händen. Mein Vater konnte nicht verstehen, was sie schrie. Die Auswirkung war allerdings, dass beide Soldaten plötzlich „Haltung annahmen“ und „stramm standen“.

Die resolute Bawette

Großmutter Bawette hatte nie viel über ihre Vergangenheit gesprochen. Sie wanderte 1912 aus Deutschland aus, um ihrem Ehemann Philipp nach USA zu folgen. Philipp lernte sie ein Jahr zuvor in Rimbach kennen. Er besuchte nach mehr als 20 Jahren USA seine alte Heimat in Rimbach. Mit seiner funkelnden, dunkelblauen Kavallerie-Uniform musste er umwerfend ausgesehen haben. Sie heiraten. Bawette begleitet ihn zurück in die USA.

Bawette (Barbara) und Philipp, 1911

Mit diesen beiden, Bawette und Philipp, beginnt meine Ahnengeschichte in Amerika. Mein Urgroßvater Philipp war als Kavallerist im US-Bundesstaat Georgia im Fort Oglethorp stationiert. Er kehrte 1888 im zarten Alter von 18 Jahren dem deutschen Kaiserreich den Rücken zu und wanderte in die USA aus. Er legte den Grundstein für die Deutsch-Amerikanische Verbindung unserer Familie. Einige Jahre nach seiner Einreise in New York meldete er sich freiwillig zum Militäreinsatz, zog in den Philippinisch-Amerikanischen Krieg und erhielt im Gegenzug die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Rimbach war die ganze Sippschaft als die ‚Amerganisch‘ bekannt.

Top-Seargent Philipp, Bawette und Kids,
Fort Oglethorpe, Georgia, Dezember 1914

Ab 1912 lebten Philipp und Bawette fast 10 Jahre im Fort Oglethorp in Georgia. 1921 kamen sie samt Kindern zurück nach Deutschland. Wie es dazu kam, würde hier den Rahmen sprengen. Von Bedeutung ist hier nur, dass Großmutter Bawette nach fast 10 Jahren in einem Militär-Fort das raue Leben als Kavalleristen-Angetraute kannte. Sie sprach fließend Amerikanisch und wusste sehr genau um die Gepflogenheiten der Militärsprache. Wir können nur erahnen, was Bawette den beiden Soldaten zu rief. Ich bin sicher, dass mein Vater nicht der Einzige im Schutzkeller war, den diese Szene an der Haustür mit offenem Mund hinterließ.

In den folgenden Wochen nisteten sich die amerikanischen Soldaten im Rimbacher Dorf-Gasthaus ein. Weitere Soldaten folgten. Der amerikanische Offizier, der der kleinen Militäreinheit vorstand, hatte sogleich seine Chancen in Bawette’s Herkunft erkannt. Fortan übernahm Bawette gewissermaßen die Heeresführung der Gasthausküche und sorgte für das leibliche Wohl der Mannschaft. Während der einfache Dosen-Proviant und die trockene Armee-Verpflegung kistenweise im Haus meiner Urgroßmutter lagerten, schleppten die Soldaten erlegtes Wild an. Bawette verwandelte deutsches Wildschwein und Rothirsch in schmackhafte amerikanische Südstaatenküche.

Das Blatt wendet sich

Seit der Hitlerzeit hatte sich einiges im Dorf verändert. Mein Vater kann sich noch gut erinnern, wie er die größeren Jungs um ihre Uniform der Hitlerjugend beneidete. Sie marschierten mit ihren Trommeln durchs Dorf und machten mächtig Eindruck auf ihn. Er war zu jung, um dabei sein zu dürfen. Also vertrieben er und seine Schulkameraden sich die Zeit mit Kriegsspielen, Raufereien und kleinen Machtkämpfen unter Dorfburschen. Er erinnert sich noch gut, dass er oftmals den Kürzeren zog und „Prügel einstecken“ musste.

Einige Dorfbewohner, insbesondere die jüdische Bevölkerung hatte unter den Repressalien der aufstrebenden Nazi-Zeit zu leiden. Aber auch mein amerikanischer Urgroßvater Philipp war widerspenstig und sprach sich offen gegen Hitler aus. Bei seiner Beerdigung 1936 erinnert sich eine Zeitzeugin: Die Ehrengarde des amerikanischen Konsulates kam nach Rimbach, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Salutschüsse wurden abgegeben, die US-Flagge, die auf dem Sarg lag, wurde traditionell gefaltet und der Witwe Bawette überreicht. Einer der Trauergäste, ein Dorfpolizist sagte zu Bawette: „Sei froh, dass er gestorben ist, denn wir hatten Auftrag ihn ins KZ abzuschieben“.

Aufzeichnungen meiner Großmutter Betty. Erinnerungen an Philipp

Seit dem Tag, an dem die zwei Soldaten meiner Urgroßmutter Bawette in die Parade liefen, wendete sich das Blatt. Auch für meinen Vater. Die kleine Familie, die wie viele anderen auch, aus Frauen und Kindern bestanden, befand sich im Aufschwung. Sie genossen den Schutz der amerikanischen Besatzungsmacht, hatten Zugang zu Nahrungsmitteln und anderen Gebrauchsgütern, die nach Kriegsende rar waren.

Bisher schlugen sie sich so durch. Bawette hatte zwar Anspruch auf eine amerikanische Witwenrente. Diese wurde aber mit Kriegseintritt der USA nicht mehr nach Deutschland ausbezahlt. Gerhards’ Mutter Betty, meine Großmutter, verdingte sich als Haushaltshilfe oder Näherin. Der eigentliche Ernährer der Familie, mein Großvater Fritz, der bisher noch nicht zur Sprache kam, war an der Front und wurde zu diesem Zeitpunkt vermisst. Wie so viele Männer befand er sich in Kriegsgefangenschaft. Die Frauen mussten zusehen, wie sie sich und ihre Kinder durchbrachten.

Bawette, aus dem Ahnenbuch der Familie Altendorf entnommen

Die Kriegsverpflegung und Vorräte, die die Amerikaner mitgebracht hatten, wurden von Bawette’s Haus aus an die Dorfbevölkerung verteilt. Der Umstand, dass all die Kisten im Wohnhaus meines Vaters lagerten, sollte ihm zum Vorteil gereichen. Neben dem Dosenfleisch, waren Kaugummis beliebte Tauschmittel. Bananen, Orangen, Schokolade machten ihn in seinen jungen Jahren zu einem erfolgreichen Schwarzmarkt-Großhändler von Spielzeug im Dorf. Sein Beliebtheitsgrad stieg proportional zur Attraktivität der Tauschartikel an. So konnte der ‚amerganisch‘ Gerhard manches Spielgerät erwerben, von dem er vorher nur träumte.

Meine ‚amerganisch’ Großmutter Betty mit Gerhard und seiner Schwester Margot,
ca. 1946

Ungefähr 10 Jahre später, mein Vater ist gerade 18 Jahre alt, erreicht ihn ein Brief aus dem Pentagon, USA. Damit beginnt eine weitere Episode dieser abenteuerlichen Lebensgeschichte.