Ankommen in Bozen
Wer Bozen nicht kennt, wird vom österreichisch-italienischen Charme entzückt sein. Bozen gilt als die italienischste Stadt Südtirols. Mit ihren ca. 110.000 Einwohnern ist die Landeshauptstadt im Zentrum deutlich von Touristen umschwärmt. Erst wenn man sich etwas außerhalb in die Randbezirke begibt, erfährt man vom endemischen Dasein der Stadtbevölkerung. Ich lebe im italienischen geprägten Stadtviertel „Europa-Neustift“ in der Via Torquato-Taramelli in einem einfachen Mietshaus. Natürlich mit Balkon! Dort begegnen mir die alltäglichen „Imponterabilien“ des Durchschnittsbürgers: Parkplatznot, Müll zur Mülltonne am anderen Ende der Straße tragen, Verkehrslärm und Innenstadtstau in der Rush Hour. Und wo kette ich mein Fahrrad an, um diebstahlsicher zu sein. Hier trifft man mehr Leute, die nicht zweisprachig sind (Deutsch und Italienisch), sondern ausschließlich Italienisch sprechen.

Dieser Umstand verschafft mir das Flair in „Bella Italia“ zu sein, besten Caffè und Cappuccino zu trinken und gleichzeitig österreichisch-deutschen Komfort zu genießen. Der zeigt sich in Form von Kaiserschmarrn und Knödelgerichten aller Art und das ALLES auch in deutscher Sprache ausgewiesen ist. Hilft nicht meinem Italienisch, ist aber äußerst entspannend.
Auftakt auf zwei Rädern
Mein erster Ausflug ging auf dem Rad von Bozen an den Montiggler See. Zum Baden.
Nachdem ich mich in den Montiggler Wald bergauf über Feld- und schmale Wanderwege gearbeitet hatte, traf ich zwei sportliche Herren in meinem Alter, die sich meiner erbarmten. Ich hatte mich kräftig verfahren und suchte nach einem geeigneten Trail zum Montiggler See. „Geh, Georg!“, sagte der eine zum anderen im typisch Südtiroler-Deutsch-Akzent, „da begleiten wir die Dame doch zum See!“ Georg nickte und lächelte mich freundlich an. Kein Zweifel! Die beiden kannten sicher jeden Pfad hier. Das war ihr Revier!
Schmale, kurvige Trails in einem zauberhaften Wald. Bestes Wetter. Warm und sonnig. Der perfekte Flow. Während ich hinter den beiden herfuhr, dankte ich dem Schicksal für die Begegnung. „Der Caffè geht auf mich!“ rief ich ihnen hinterher. Die beiden sprangen von jedem Absatz herunter und hüpften die felsigen Passagen abwärts, gurkten in Spitzkehren hinein, wie Butter. Bergauf strampelte ich in gehörigem Abstand hinterher. „Oh Mann, was tue ich hier?“, fragte ich mich keuchend.
Während ich mich doch etwas schwerer tat, lies ich die beiden noch wissen: „Ich habe mehr Mut als Fahrtechnik!“. So herausgefordert, meisterte ich zu meiner eigenen Überraschung mehr unkomfortable Passagen als mir lieb war. Wir kehrten nach guten eineinhalb Stunden Mountainbike-Trail in der Jausenstation am “Lago Piccolo di Monticolo” ein. Der Franz und der Georg und ich. Taffe MTB’ler unter sich! Ordentlich verdreckt und ohne „E“. Den Cappuccino hatten wir uns jetzt verdient.
„Jetzt muss ich aber wieder zurück nach Bozen“, sag ich. „Der Weg ist ganz einfach“, sagt Franz. „Aber vorher musst doch noch mit uns zu dem Aussichtspunkt da oben! Eine wunderbare Sicht. Das darfst Du nicht verpassen!“ Er zeigt mit dem Finger auf eine bewaldete Bergspitze gegenüber. „Hoch ist gar nicht so schlimm. Nur runter gibt es eine verzwickte Stelle. Kannst ja dann absteigen.“ Gut, denke ich und bemerkte wie Georg seinen Kumpel zweifelnd anschaut und dabei die Augenbrauen hochzieht.

Unten: Geheimer Aussichtspunkt für taffe Mountainbiker 😉
Es ist schon später Nachmittag und ich muss jetzt wirklich los! Wir treten den Rückweg an. Trails, Wurzeln, Stein, Flow. Alles gut. Bis das „verzwickte Stück“ kommt. Ich wusste nicht einmal, dass ich schon drauf bin, da erlebe ich mich selbst in Zeitlupe über mein Rad hinweg schweben. Ich komme mit dem Helm auf einem großen Stein auf und rolle mich irgendwie mit und in meinem Rad in die felsige Abfahrt. Da war nichts weich. Kein Waldboden. Kein Moos. Schade!
Ein Indianer kennt keinen Schmerz und ich auch nicht. In der Tat, mir tat nichts weh. Eine Schramme auf der Nase und kleine Prellungen. Die rechte Hand war etwas lädiert. Der Helm angeknackst. Die Brille verkratzt. Aufstehen, Krone richten, weiterfahren. „Juhuuu, ich hab’s überlebt!“, murmelte ich mir aufmunternd zu, als ich winkend die beiden an einer Wegkreuzung verabschiedete.
Noch in der gleichen Nacht schwoll meine rechte Hand an und schmerzte sehr. Auch die Prellungen und blauen Flecken meldeten sich pünktlich am nächsten Morgen. Mein Adrenalinspiegel war wieder auf Normalniveau.
Vom Pech verfolgt
Der kleine Sturz im Montiggler Wald sollte der Anfang einer kleinen Serie des Unglücks sein. Nur eine Woche später stürze ich wieder mit dem Rad. Diesmal aus lauter Unachtsamkeit auf einem Asphaltweg bergab. Ohne Schienbein und Ellenbogenschutz. Ohne Handschuhe. „Wie blöd kann man eigentlich sein?“, denke ich tatsächlich in der Millisekunde als es mich vom Rad reißt und ich mit Handballen und Ellenbogen zuerst über den Asphalt rutsche.
Andy, bei dem ich notdürftig mit Pflastern versorgt am verabredeten Treffpunkt ankomme, schaut mich mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Mitleid an: „Wie schaffst Du das immer nur…?“ Ich setze mich wortlos neben ihn und bestelle einen Cappuccino.
Ab jetzt ist Wandern angesagt. Nach einem „freien Tag“ am See nehmen wir uns eine schöne Wanderroute bei Bruneck vor. Herrliche Landschaft. Frische Wiesen. Natur pur! Fast 23 km Fußmarsch, 980 Höhenmeter, drei Knödel, fünf Pausen, eine Butterstulle und zum Schluss ein ordentliches Gewitter haben mich geschafft.

Diese wunderbare, aber sehr lange Wanderung, bezahlte ich am nächsten Tag mit Rückenweh und einer Migräne.
Ok. Zwangspause. Wir machen uns einen ruhigen Tag. Schlendern durch Bruneck. Trinken Cappuccino. Stöbern bei Alpinausstattern nach dem ultimativen Funktionsshirt. Noch am gleichen Abend wird mir komisch. Ich fühle mich unwohl. Mir wird erst heiß, dann kalt. Erhöhte Temperatur. Schüttelfrost. In der Notaufnahme im Brixener Krankenhaus stellt sich der unspektakuläre Befund „Blasenentzündung“ heraus. Für einen Moment hatte mich die Corona-Panik erwischt. Mit Antibiotikum werde ich nach Hause geschickt.
Weitere drei Tage später das Gleiche. Andy ist gerade abgereist. Seine zwei Wochen Urlaub sind rum. Ich winke ihm zum Abschied hinterher und geh zurück in meine kleine Mietwohnung. Mir wird wieder so mulmig. Merkwürdige Rückenschmerzen. Dann Schüttelfrost. Ojee, 37,8 Temperatur. Kurz darauf fahre ich mich ins Krankenhaus nach Brixen. Nierenbeckenentzündung. Die stationäre Aufnahme geht schnell. Meine Daten sind ja schon im System. Schnell noch ein Coronatest. Negativ. Ab jetzt alles intravenös: Antibiotikum, Flüssigkeit, Schmerzmittel. Ich bleibe zwei Nächte.
In dem ganzen Dunkel gibt es dennoch Licht. Ich bekomme eine Nachricht von Brigitta. Eine liebe und enge Kollegfreundin. Sie befindet sich gerade auf dem E5 über die Alpen. Von Obersdorf bis Meran in Turnschuhen und Rucksack. Quasi um die Ecke. „Ich komme und pflege Dich“, sagt sie, als sie von meinem Schicksal erfährt. Am Ausgang des Krankenhauses werde ich also von einer Wandersfrau im zünftigen Outdoor-Outfit herzlich in die Arme genommen. Seither verbringen wir hier eine wunderbare Woche miteinander. Ich im Schongang und Brigitta im Kümmer-Modus. „Danke Brigitta! Für ausgedehnte Frühstücksgespräche, den Tag ohne Plan laufen lassen, Wandern mit Kaiserschmarrn, Abendcocktail am lauschigen Kalterer See. Und danke für den Ho’oponopono.“

