Week #29

Ich hatte einen Traum!

Ohne Mist! Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und musste ganz dringend irgendwo hin. Ich bin auf eine große Straße eingebogen. Eine Autobahn. Plötzlich ein riesen Stau. Ich musste auf’s Klo. Schräg gegenüber sehe ich eine Ausfahrt zu einer Raststätte. Draußen sitzen Leute an Tischen und genießen die Sonne.

Ich stelle mein Fahrrad ab und laufe in eine Treppe runter. Zu den Toiletten. Bevor ich ins Damenklo gehe, nießt mich plötzlich jemand kräftig an.

Ich wache auf! Mitten in der Nacht. Gehe auf’s Klo. „So ein Glück, dass der mich im Traum angeniest hat, sonst hätte ich vielleicht noch ins Bett gemacht“, murmle ich vor mich hin. Und dann geht mir der Traum durch den Kopf. Der Stau vor der polnischen Grenze. Ich, bei einer Fahrradtour. Darf aber unterwegs nirgendwo auf’s Töpfchen, weil ich in Quarantäne bin. Kontaktrisiko vermeiden. Die Angst, dass mich jemand anniesen könnte. Corona! Meine Träume sind coronifiziert.

Die Verdauung meiner bewussten und unbewussten Wahrnehmungen klappt scheinbar ganz gut. Mein Traum hat das ganz eindrücklich gezeigt. Und in der Tat. Viel mehr passiert ja auch gerade nicht. Vielmehr nehme ich gerade nicht wahr! Mein Fokus und offenbar auch der, der ganzen Welt, liegt ganz und gar in der Beschäftigung mit Corona. Oder auch in der Ablenkung davon. Nachvollziehbar! Veränderbar? Aushaltbar?

Mein Corontäne-Quartier

Seit meiner Ankunft in Deutschland bin ich in Einzelhaft. Einzelisolation nennt es das Robert-Koch-Institut. Ich nenne es Corontäne. Am Flughafen angekommen, habe ich mich direkt zu einem Corona-Test vorgestellt. Das Ergebnis ist zwischenzeitlich da: Negativ! Trotzdem zwei Wochen isolieren. Denn jetzt muss ich aufpassen, dass mich niemand ansteckt. 

Ich habe Glück. Ich komme in Einhausen unter. Der Name ‚Einhausen‘ steht quasi für die Größe des Städtchens. Der Shutdown macht hier keinen Unterschied. Die paar Lädchen und Geschäfte, die es hier gibt, sind alle systemrelevant. Hier hat meine Mutter eine kleine Wohnung, die gerade leer steht. Voll möbliert und top ausgestattet. Hier niste ich mich ein. Mein Bruder wohnt ein paar Straßen entfernt. Und so mutiert er zum Online-Bestell- und Lieferdienst für Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter. Als vorausschauender Deutscher hat er selbstverständlich ein eigenes Heimlager an Toilettenpapier angelegt. Ich bin also bestens versorgt.

Weil es spaßiger ist, habe ich das Raumkonzept etwas angepasst. Manchmal reicht es ja, dem Kind einen anderen Namen zu geben. So verwandelt sich die Fernsehecke zur Nachrichten-Zentrale, das Badezimmer zur Wellness-Oase, meine alte Yoga-Matte zum Fitness-Center und die Wohnungstür zur Material- und Lebensmittel-Klappe. Wenn ich gut bin, schaffe ich 1500 Schritte am Tag. Der Ablauf meiner Aktivitäten lässt sich in einem wiederkehrenden Bewegungsmuster aufzeigen.

Raumkonzept meines Corontäne-Quartiers
Wiederkehrendes Bewegungsmuster

Wie alle, lebe auch ich „auf Sicht“. Keiner weiß, wie es weitergeht. Wann es weitergeht. Also alle Systeme runterfahren. Als Biologin habe ich da meine ganz eigenen Bilder im Kopf. Wer schon einmal durch ein hochauflösendes Mikroskop geschaut hat, der hat eine Idee davon, was sich – für das normale Auge verborgen – abspielt. Allein diese konkrete und anschauliche Vorstellung, was da alles mikroskopisch klein, kreucht und fleucht, erlaubt nicht, die Existenz kleinster Lebewesen, geschweige denn Coronas, leugnen zukönnen.

Also halte ich mich an die Empfehlungen und Vorgaben. „Social Distance“ – wahrscheinlich das Wort des Jahres. Abstand halten fällt mir hier nicht schwer. Ich bin allein. Auch draußen. Beim Spaziergang und auf der ein oder anderen Fahrradtour. Mehr ist nicht geblieben von meinem Abenteuer im Sabbatical. Ich tröste mich mit dem Wissen, dass es gerade allen so geht. Kollektives Leid ist eben doch leichter zu ertragen!

Der neue Rhythmus, bei dem JEDER mit muss!

So vergehen die Tage und zwischenzeitlich hat sich ein annehmbarer Rhythmus eingestellt.

Schlafen – Essen – Nachrichten hören – digitaler Kaffeeklatsch – Online-Pilates-Einheiten – Repeat – Repeat – Repeat!  

Deutschland mausert sich in der Zwischenzeit zum digitalen Explorationszentrum für Menschen, die bisher kaum Berührungspunkte mit dieser Parallelwelt hatten. Alles, was geht wird auch gemacht. Der kleine Fahrradshop nebenan hat jetzt ein Terminbuchungssystem. Die Dorf-Pizzeria hat einen Online-Bestellservice eingerichtet. Und die Yoga-Lehrerin um die Ecke bietet jetzt ein Zoom-Meetings an, um die Yoga-Klasse online zu unterrichten. 

Ganz zu schweigen von der Symbiose, die sich gerade aus Lehrern/Schülern und Lern-Plattformen/Online-Unterricht im Schulwesen bildet. Die Bundesregierung hat sogar mit einschlagendem Erfolg den wahrscheinlich weltgrößten Hackathon im Kampf gegen Corona mit fast 43.000 Teilnehmer*innen durchgeführt. #wirvsvirus. Die erstaunlich kreativen und hinreißenden Ergebnisse dazu kann man auf YouTube verfolgen. Der Platz im Guinness-Buch der Rekorde dürfte sicher sein!

Kaum jemand kann sich diesen auch positiven Dynamiken, diesen unerwarteten Nebenwirkungen,

entziehen. Nicht nur die Medizinbranche erlebt ungeahnten Aufschwung. Auch die Anbieter digitaler Tools stehen hoch im Kurs. Plötzlich müssen Mitarbeiter*innen Home-Office machen, in deren Unternehmen so etwas vorher nicht denkbar war.

Und das ist erst einmal gut so! Aber Vorsicht. Und das sage ich als Naturwissenschaftlerin: „Zu viel von egal was, ist nicht gut.“ Systeme suchen ein Gleichgewicht herzustellen. Die Gesellschaft nimmt den Veränderungs-Impuls, der sich durch Corona ergeben hat, pragmatisch auf. Welche Lehren werden wir daraus ziehen? Werte sind dann wieder was wert? Umwelt und Gesundheit stehen wieder ganz oben?

Die Einsicht steht am Anfang!

Anders sieht das im Umgang mit unserem weltumfassendes Ökosystem aus. Seit Jahrzehnten ignorieren die meisten Staaten dieser Erde, dass wir ein massives Problem haben. Und es funktioniert. Das Problem darf bleiben. Denn die Quittung kommt nicht unmittelbar.

Corona und Klima: Beides fordert den gesunden Menschenverstand

So wie ‚Fridays for future‘ auch ein Mittel zum Zweck ist, ist der Zweck unsere Umwelt und Natur gesund zu halten. #dontmessupmyfuture, #oceancleanup oder #plastikfrei, #hoertaufhuehnerzuquaelen oder #nurgluecklichekueheschmeckengut kommen der Sache inhaltlich schon näher!

Es ist geradezu energetisierend zu sehen, wie schnell die Menschen und die Welt sich auf die Anforderungen der Corona-Krise angepasst haben. Und diejenigen, die keine Einsicht haben, werden eben durch andere Mittel davon überzeugt, dass es besser wäre, sich an die Regeln zu halten. Zuhause bleiben ist ja nur das Mittel zum Zweck. #wirbleibenzuhause oder #staythefuckhomeoder #iorestoacasa. Der Zweck ist Abstand zu halten. Es funktioniert. Weitgehend. #keepthefuckdistance.

Zuhause bleiben ist ja nur das Mittel zum Zweck. Der Zweck ist Abstand zu halten.

Die Blaupause im Umgang mit der globalen Bedrohung durch Corona darf auch zukünftig für den Umgang mit dem globalen Klimaschutz gelten. Der Anfang wäre doch, dass alle Länder das Problem als solches anerkennen würden. Corona ist da konsequent ungnädig. Wer Corona nicht als Problem anerkennt, sondern ignoriert, erhält postwendend die Antwort in Form von Infektions- und Mortalitätsraten.

Corona ist konsequent ungnädig.

Ich wünsche mir im Kampf um unsere gemeinsame Umwelt die gleiche Entschiedenheit, Energie,Bereitschaft und Innovationskraft auf der politischen Ebene, wie wir sie gerade in der Corona-Krise erleben. Und das wäre nur der Anfang meiner Wunschliste. Naiv? Aber immerhin ein Anfang!

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