Week #27

Start mit ‚Impraticabilità‘

La dolce Vita

Am letzten Sonntag landet mein Flugzeug mittags in Fiumicino. Als das Taxi mich abholt und zum meinem Airbnb bringt, schüttet es schon mächtig. Es ist kalt und unangenehm klamm. Mein Vermieter öffnet mir die Tür und zeigt mir mein kleines Kellerdomizil. „Brrrr …!“ Hübsch, aber arschkalt hier! In der alten Villa wird wohl an der Heizung gespart?!

Das ‚Appartamento‘ wurde in einem ehemaligen Gewölbekeller eingerichtet. Mit „authentischer“ Ausstattung! Das heißt, das Mobiliar ist alt, zum Teil antik. Ziemlich abgewohnt und leicht ungepflegt. Die Küche ist etwas schmuddelig. Das Küchengerät ist gerade mal für das Nötigste zu gebrauchen. Okay, es gibt einen Kaffeekocher. Das ist wichtig. Kühlschrank ist zwar etwas angeschimmelt, aber funktioniert. Und, Überraschung. Eine Spülmaschine. Dennoch, alles passt irgendwie zueinander und es macht sich trotz der Kälte eine gewisse Gemütlichkeit breit.

Es ist Nachmittag und ich muss einen Supermercato finden, der sonntags geöffnet hat. Das übliche Programm startet: Futter sichern, Umgebung erkunden, Koffer auspacken, Fahrrad zusammenbauen. Es regnet. Widerwillig mache ich mich auf den Weg. Die Wohngegend ist abseits des ‚centro‘. Das ‚municipio II‘ [munitschipio] umschließt die Stadtteile Parioli, Nomentana, San Lorenzo und Teile von Trieste. Kaum Touristen. Auch, wenn Corona seine Auswirkungen noch kaum spüren lässt. Es sind gefühlt weniger Touristen als sonst. Nicht weit zu Fuß gibt es Straßenbahn- und Busstationen. Abgesehen vom Wetter, erst einmal alles ‚perfetto!‘

Eingang der Airbnb-Villa und angrenzender Park, Via delle Isole

Es dämmert schon, als ich mich auf den Heimweg mache. Mit einem Rucksack voll Lebensmitteln auf dem Rücken, stapfe ich durch den Regen, in die Via delle Isole! Meine Hände sind fast abgefroren, ich schon völlig durchnässt und die Wohnung ist auch noch kalt. Bäääh! Ich mache mir einen Eimer Tee, mummle mich in eine Decke und schaue italienisches Fernsehen. Eine leichte Depression überkommt mich. Ich will nach Hause! Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt, das ‚dolce vita‘!

Der erste Tag. Der erste Eindruck.

Am nächsten Morgen sind Ungeduld und schlechte Laune verflogen. Die Heizung funktioniert und es ist mollig warm. Neuer Tag, neues Glück! Ich mache mich auf den Weg zur Sprachschule in der Via Cosenza. Mist, draußen ist es immer noch so kalt. Warum habe ich eigentlich keinen dicken Mantel, Schal und Mütze mitgenommen? 

Zur Schule laufe ich ungefähr 15 Minuten. Ein schöner, erfrischender Spaziergang. Mein Weg führt zunächst durch den kleinen Park „Villa Paganini“, dann quer über die Via Nomenata, zur Via Alessandro Torlonia, geradeaus, einmal rechts, einmal links und schon bin ich in der Via Cosenza. Morgens um 8:30 Uhr ist die Hölle los. Auto, Busse, Vespas, Motorräder, Fahrradfahrer, Fußgänger. Die Via Nomentana ist eine der Hauptverkehrsadern in Rom. Ich versuche mitzuhalten und schlüpfe durch parkende Autos, springe bei Rot über den Zebrastreifen, um möglichst nicht aufzufallen.

Umgebung am Corso Trieste

Der Zustand der Straßen ist nicht besonders gut. Besonders die Gehwege sind ziemlich mitgenommen. Schlaglöcher, unebenes Kopfsteinpflaster, aufgebrochener Asphalt. Und da kommen sie mir entgegen. Die stolzen und schönen Italienerinnen. Elegant gekleidete Frauen auf hochhakigen Schuhen. Egal wie schlecht der Zustand des Untergrunds zu sein scheint, sie laufen, als wären sie in Pantoffeln unterwegs. Für mich ein wahres Kunststück, das sie vollbringen. Dieser Anteil an italienischem Genmaterial ist bei mir jedenfalls nicht gelandet. Nach wenigen Metern wäre ich bereits umgeknickt, hätte schmerzende Füße und würde ziemlich unbeholfen aussehen!

… nur eine kleine Assoziation der weiblichen Fußbekleidung

Die Italiener, die Römer. Sie sind modebewusst, elegant, stolz. Nicht nur die Frauen. Die schicksten Männer findet man in Italien! Die Klamotten immer adrett. Die Haare immer fesch. Sonnenbrille wird immer getragen, auch wenn keine Sonne scheint! Um nicht weiter als deutsche Touristin aufzufallen, beschließe ich, noch am gleichen Tag einen Ausflug auf Rom’s Shoppingmeile ‚Via del Corso‘ und ‚Via die Condotti‘ zu machen. Die Metamorphose kann beginnen!

Non parlo italiano!

Mein Sprachkurs startet um 9:00 Uhr. In meiner Anfängergruppe sind noch ein japanisches Künstler-Pärchen, ein amerikanischer Franziskanerbruder, eine amerikanische Schülerin, ein deutscher Ingenieur und eine argentinische Sprachstudentin. Die Alterspanne reicht von 17 bis 65. Es verspricht lustig zu werden. Alle sind sehr nett und aufgeschlossen. Der Unterricht läuft ausschließlich auf Italienisch. Eine Herausforderung.

Sprachschule Torre di Babele, Via Cosenza

Come ti chiami? Mi chiamo Patrizia. Di dove sei? Sono tedesca di Francoforte. Quanti anni hai? Ho cinquantasei anni. Und so weiter und so fort. Nach zwei Stunden raucht mir bereits der Kopf. Aber es macht Spaß. Wir lernen das ‚Alfabeto italiano‘ und die Grundregeln der Aussprache. Die im Übrigen ganz viele Ausnahmen haben. Die Zahlen, die ‚Grammatica de sostantivi‘ und die ‚articoli‘. Die ‚articoli‘ sind die Schlimmsten: ‚Un, un‘ uno, una. Ich bin schon ganz wirr!

Sprachunterricht im A1 Modus

Drei Tage geht so. Und dann…. schlägt das Coronavirus zu. Die Schule muss zwei Wochen lang schließen, weil die Regierung angeordnet hat, dass alle Schulen, Kindergärten und Universitäten geschlossen bleiben müssen. Auch meine Sprachschule!

Hmmm… schade. Aber wahrscheinlich eine vernünftige Maßnahme. Für mich heißt es nun, mich mit dem Wenigen, was ich gelernt habe, durchzuschlagen. „Scusi. Non parlo italiano. Solo inglese. E un po‘, po’ d’italiano!

Auf geht’s!

… die italienische Herzlichkeit!

Endlich habe ich das richtige Plätzchen gefunden. Zum Sinnieren, zum Schreiben. Meine neue Muse heißt ‚Marziali1922‘. Eine Bar bzw. Ristorante, direkt am Piazza Caprera. Ich setze mich draußen in die Sonne und bestelle ‚un cappuccino e un cornetto‘. Das kann ich schon ganz gut. Mein Blick geht über einen kleinen Brunnen mit badenden Figuren mitten auf der Piazza, rüber auf eine elegante Stadtvilla in venezianischen Baustil. Die Villa hat eine große Dachterrasse, auf der einige exotische Topfpflanzen stehen.

Bar & Ristorante Marziali 1922

Die Piazza Caprera liegt nur zwei Minuten Fußweg entfernt von meinem ‚Apartmento‘ in der ‚Via delle Isole‘. Es ist eine ruhige Nachbarschaft. Villenartige Wohnhäuser, manchmal leicht verwahrlost, manchmal schick renoviert, reihen sich aneinander. Enge Gassen, parkende Autos, die sich an die Hausmauern drücken. Die Stadtvilla, in der ich wohne grenzt an einen kleinen Park. Dort ist es ein wenig verrottet und verwahrlost. Das ist die Luft, die man in Rom einatmet. Hier bin ich genau richtig!

Es vergehen keine zehn Minuten nachdem mein Cappuccino kommt und ich habe ein Glas Prosecco vor mir stehen. Mein Nachbartisch, eine Gruppe von Italienern fragt mich, ob ich ein Foto von ihnen machen kann. „Assolutamente“, sag ich und im nächsten Moment sind wir Freunde. „Di dove sei?“ ich erinnere mich an meinen ersten Sprachunterricht, den ich Montagvormittag hatte und antworte: „Sono tedesca!“. Der erste schwenkt auf Englisch um und stellt sich vor: „I’m Nicolo. That’s Mario and Leonardo. And this is Carolina. Nice to meet you.“ Obwohl ich keinen Alkohol trinke, wehre ich mich nicht und stoße mit den vieren an.

Eigentlich wollte ich ein bisschen für den Blog schreiben. Doch die vier sind so überschwänglich herzlich, so dass es auch nicht lange dauert, bis ich am Nachbartisch mittendrin sitze. Nico, 30 Jahre und Ingenieur. Seine Mutter ist Schwedin, sein Vater Italiener spanischer Herkunft. Er spricht alle drei Sprachen fließend und nebenbei sehr gut Englisch. Mario, ein Künstler mit zwielichtiger Vergangenheit, ist 60 Jahre alt. Seine Frau stammt aus St. Pauli, Hamburg. Stolz erwähnt er, dass eines seiner Kunstwerke dort im Pornomuseum ausgestellt sei. Leonarda ist 32 Jahre alt und möchte bald eine Bar hier in Rom eröffnen. Und Carolina hat gerade mit 28 ihr Anthropologie- und Medien-Studium abgeschlossen, aber noch keine Arbeit gefunden.

Italienische Herzlichkeit

Es scheint als hätten die vier etwas zu feiern, aber es ist einfach nur Wochenende. Eine Flasche Prosecco folgt der anderen. Die Kellnerin bringt Pigoli. Eine typisch römische Leckerei. Knuspriges, flaches Brot mit unterschiedlichen Füllungen. Einfach ‚delicato’. Während ich mich mit dem Prosecco durchmogele, haben die anderen schon einen gehörigen Schwips: „Patrizia, why don’t you join for lunch tomorrow. We show you our city. We love our city! Englisch und Italienisch purzelt durchei nander. Wie schön ihre Stadt sei; dass es viele Probleme gäbe; dennoch sie lieben ihre ‚città‘. Wer nicht aus Roma komme, dürfe sich gar kein Urteil erlauben!

Leonardo & Nicolo vor der venezianischen Stadtvilla

Als sie mich noch zum ‚Nightlife of Rome‘ mitnehmen wollen, beschließe ich mich langsam zu verabschieden. Nun geht es mir doch wirklich etwas zu schnell. Unter Alkohol passieren oftmals merkwürdige Dinge. Trotz Coronavirus verabschieden wir uns mit ‚bici-bici‘. Darauf kann man hier einfach nicht verzichten!

„Ach“, murmele ich noch, als ich mich vom Piazza Caprera nach Hause bewege, „die haben meinen holprigen Start hier echt wett gemacht!“

Und dann, die Woche drauf, sollte sich alles um den Coronavirus drehen….

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