Bäcker können etwas, woran andere scheitern. Sie können anpacken und haben Fingerspitzengefühl. Sie kennen das Geheimnis der Zubereitung von deftigen Roggensauerteig und krossem, krustigen Brot. Sie sind technisch begabt. Jonglieren mit Gewichten, Maßeinheiten, Temperaturen und Zeiten. Sie balancieren mit Hefepilzen und Milchsäurebakterien. Ein Handwerk, was sich für mich immer als Kunstwerk erwies. Früher, als mein Vater seinen ersten Beruf lernte, war das leider etwas anders. Bäcker zu Sein war nichts Besonderes und gesellschaftlich auch nicht sonderlich anerkannt. Ein Lehrberuf der viel abverlangt und meist keine besonderen Entwicklungsmöglichkeiten bietet. In dieser Geschichte kam es jedenfalls anders.
Der Bäckerlehrling
Mein Vater war 13 Jahre alt, als er seine Bäckerlehre in einer Bäckerei in Worms begann. Sein Vater, mein Großvater Fritz, war Bäckermeister. Mein Urgroßvater sogar Bäckerobermeister. Es war üblich, dass der Sohn nicht im elterlichen Betrieb lernen sollte. Also sucht man ihm eine Lehrstelle in einer anderen Stadt.
Für meinen Vater ein vorgezeichneter Weg, der sich durchaus anbot. Denn weiterhin die Schulbank drücken, machte ihm keine Freude. Zwei Jahre lang lebte er als Bäckerlehrling in einer kleinen Dachmansarde bei seiner Lehrfamilie. Die Familie behandelte ihn gut. Er bekam ausreichend zu Essen und wurde freundlich in die Familie aufgenommen. Von Montagfrüh bis Samstagnachmittag verrichtete mein Vater seinen Dienst. Fünf Mark Wochenlohn stand ihm dafür zu. Damit fuhr er am Wochenende mit der Bahn nach Hause in den elterlichen Bäckerbetrieb nach Lorsch.
Außer ihm selbst und dem jungen Lehrvater, gab es noch den Senior in der Backstube. Der ‚Alte‘ war streng und ungeduldig. Schon morgens trank er einen Schoppen Wein. Im Laufe des Tages war er meist betrunken. Dann wurde er besonders ungerecht, schimpfte meinen Vater aus und drohte ihm Schläge an.
Mein Vater war immer ein guter Arbeiter. Wollte seine Aufgaben richtig machen. Freute sich, wie jeder andere, über Lob und Anerkennung. Jeden Morgen um vier Uhr in der Früh ging es los. Er schlüpfte in die mehlstaubigen, karierten Bäckerhosen. Zog das Baumwoll-T-Shirts und die Bäckermütze an.
Nachdem er angelernt wurde, konnte er die Handgriffe und Routinen selbständig erledigen. Es war immer der gleiche Ablauf. Tag ein, Tag aus. Zuerst wurde der Sauerteig des Vortages ‚eingemehrt‘. Dann wurde der Ofen hoch geheizt. Zuerst kam die ‚weiße Ware‘, also die Brötchen und Kaffeestückchen dran. Dann das Brot. Weißbrot, Rogen-Misch und was sonst so gekauft wurde. Und wenn das Tageswerk erledigt war, machte er sich ans Aufräumen und Putzen.
Es war früher Nachmittag bis alle Handgriffe erledigt waren. Danach stand das Ausfahren der Lieferware auf der Aufgabenliste. Mit dem Fahrrad und einer ‚Kiepe‘ auf dem Rücken, radelte er die Backwaren zu den Kunden. Abends fiel er todmüde in sein Bett. Denn am nächsten Morgen sollte der Wecker schon wieder bimmeln.
An einem Nachmittag im Frühherbst kam der ‚Alte‘ in die Backstube, um wie immer seinen Kontrollgang zu machen. Er hatte immer etwas auszusetzen. Mein Vater ließ die gewohnten Meckereien über sich ergehen. Doch diesmal war es anders. Der Alte kam wieder einmal betrunken in die Backstube. Er war sofort auf Hundertachtzig. Irgendetwas hatte mein Vater wohl falsch gemacht. Aber bevor ihm klar wurde, worum es ging, ging der Alte, den ‚Schießer‘* in der Hand, auf ihn los. Er drohte ihm Prügel an und jagte ihn durch die Backstube. Man kann sich leicht vorstellen, dass mein Vater mit seinen knackigen 15 Jahren flink und wendig war. Der Alte verfolgte ihn um die Arbeitstische herum. Mein Vater wich aus, rannte durch die schmalen Arbeitsgänge zwischen den Tischen. Rechts. Links. Rund herum.
*Schießer = An der Vorderkante abgeflachtes Brett mit langem Holzstiel, zum Einschießen der Teiglinge in den Ofen.
Er war in den letzten zwei Jahren Lehrzeit von der vielen Arbeit kräftig und geschickt geworden. Jetzt hatte er die Nase voll. Er wich aus, schnappte blitzschnell nach dem Alten und riss ihm den Schießer aus der Hand. Packte ihn und nahm ihn in den Schwitzkasten. Der Alte ächzte und schrie. Es hat sicher ein paar Minuten gedauert, bis der junge Lehrvater den Lärm mitbekommen hatte. Er rannte aus dem Verkaufsraum rüber in die Backstube und löste das Handgemenge zwischen seinem wehrhaften Lehrling und seinem alten, betrunkenen Vater auf.
Meinem Vater wurde danach der Lehrvertrag gekündigt. Der Übergriff auf den ‚Senior‘ war nicht akzeptabel. Das letzte Jahr seiner Lehre musste er im elterlichen Betrieb fortsetzen. Mit 17 Jahren schloss er als Bäckergeselle seine Ausbildung ab. Dann zog es ihn raus. Er suchte sich eine Anstellung und arbeitete zuletzt in einer Bäckerei in Düsseldorf.
Post aus dem Pentagon

Dort in Düsseldorf erreichte ihn die Nachricht, dass ein Brief aus dem Pentagon, USA an seiner Heimatadresse in Lorsch angekommen war. Das ‚Department of Defense‘ meldet sich mit der Mitteilung, dass er zum Militärdienst eingezogen werden könne. Eine kleine Überraschung, die da auf ihn zukam. Ihm war bisher nicht bewusst, dass seine Mutter Betty ihn kurz nach seiner Geburt im US-Konsulat als neuen amerikanischen Erdenbürger angemeldet hatte.
Stolz und aufgeregt erschien er im Herbst 1956 im Konsulat in Frankfurt. In dem kleinen Amtszimmerchen ‚Draft for Military Service‘ saß ein ‚Recruiter‘, der die wehrpflichtigen jungen Männer über ihre Pflichten und Möglichkeiten informierte. Er brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden.
Was konnte ihm eigentlich Besseres passieren, als in den Militärdienst einzutreten. Er hatte keine Angst oder Vorbehalte. Im Gegenteil. Er fand es abenteuerlich und aufregend. Wenn er sich drei Jahre verpflichten würde, dann würde man ihn nach USA zur Grundausbildung schicken. Man würde ihn irgendwo in USA stationieren. All das klang nach einem wunderbaren Abenteuer.
Auch wenn mein Vater zu diesem Zeitpunkt kaum Englisch sprach und noch nie in den USA war, fühlte er sich durch seine Herkunft mit der Vorstellung ein Amerikaner zu sein, sehr verbunden. Die Papiere, die ihm der Recruiter im Konsulat vorlegte, unterschrieb er direkt. Schon im Februar des Folgejahres würde er mit einem Militär-Schiff nach USA übersetzen.
Vom Bäcker zum Koch
Im Februar 1957 stach der Truppentransporter der US-Marine am Bremerhaven in See. Mit etwa hundert anderen jungen Männern überquerte das Schiff den Atlantik und kam 10 Tage später im Hafen von New Jersey an. Nach der Ankunft wurden die Männer direkt nach Fort Dicks weiter transportiert. Dort absolvierten sie ihre militärische Grundausbildung.
Sein spärliches Schulenglisch reichte nicht aus. Er verstand am Anfang „Null“. Doch die vier Wochen vergingen schnell. Sein Stubenkamerad half ihm, die Dinge zu verstehen. Marsch, Links, Rechts. Jeden Abend ging er ins Kino, um die fremde Sprache aufzunehmen. Und bald hatte er das Nötigste in seinem Englisch-Repertoire.
Auch wenn mit ihm als Soldat zunächst nicht viel anzufangen war, waren seine Fähigkeiten als Konditor und Bäcker gut zu gebrauchen. Man schickte ihn in die Kochschule im Fort Lee, North Carolina. Er sollte später in einem Kasino oder Verpflegungstrupp eingesetzt werden können.
Das Glück war ihm hold. Die Bäcker und Konditoren-Ausbildung, die er vorzuweisen hatte, verhalfen ihm zu einem Alleinstellungsmerkmal. Denn das Offizierskasino des Hauptquartiers in Norfolk, Virgina suchte speziell einen Koch, der diese zusätzliche Qualifikation hatte. Keiner der anderen Köche hatte das vorzuweisen. Also fiel die Wahl auf ihn.

Im Offizierskasino beglückte er die Generäle und Offiziere mit gutem deutschen Brot und anderen Leckereien. Seine Aufgabe machte ihm Spaß. Stolz trug er seine weiße Koch-Uniform!
Ich komme aus einer Bäckerfamilie und bin in einem Bäckerei-Betrieb aufgewachsen. Darauf bin ich stolz. Mit dem Bäckerhandwerk meines Vaters und auch Großvaters verbinde ich viele, schöne eigene Erinnerungen. Auch wenn mein Vater einige Jahre später (da war ich schon acht Jahre alt) das Bäckerhandwerk an den Nagel hing und andere Talente entdeckte, backt er heute noch „sein“ Brot.
Wie das geht, erfahrt ihr im nächsten Beitrag 🙂
Was für ein schöner Beitrag! Danke Patricia. Ich rieche es förmlich, wie das Brot aus dem Backofen geholt wird!
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Ach, herrlich! Und dann noch das liebe Interview dazu. Gemütlich da bei euch im „Wintergarten“ im Morgenmantel u bei Kaffee! Jetzt kann ich deine Weihmachtsplätzchen ja auch viel besser einordnen… 😋Freue mich wieder einmal sehr auf die Fortsetzung eures talks…. 😍
Liebste Grüße!
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Patricia , ich liebe deinen Blog ! Du hast so eine erfrischende leichte Art zu schreiben !!! Wirklich unterhaltsam und das kleine Video mit dem Interview deines Vater … einfach klasse!!! Nicht nur wir , sondern auch deine Nachkommen werden darüber sehr glücklich sein !
Hoffentlich geht’s bald weiter 👏🏻👏🏻👏🏻
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Liebe Marina, es ist soooo nett, dass du mir das schreibst. Meistens denke ich, es interessiert wahrscheinlich sowieso niemanden. Aber wenn ich eine solche Rückmeldung bekomme, freue ich mich sehr :-). Und ich freue mich, dass ich eine treue Leserin in Dir gefunden habe 🤩
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