Week #18

Wo Lebensgeschichte lebendig wird

In die Erinnerungen meiner Eltern mit einzutauchen, ist für mich wie das Zusammenbauen eines komplizierten Puzzles. Ich habe noch kein ‚Big Picture‘ vor Augen. Ich versuche die Randstücke zu finden, um irgendwie Anfang und Ende des Bildes sehen zu können. Wie Einzelteile liegen die ‚Flashbacks‘ vor mir. Immer dann, wenn ich ein paar kleine Geschichten, die meine Eltern erzählen, zu einem Bildfetzen zusammenbauen kann, bin ich ganz fasziniert. Der folgende Ausschnitt fesselt mich besonders, weil er für mich Geschichtsbücher lebendig werden lässt:

Im Luftschutzkeller

Mein Vater Gerhard ist acht Jahre alt. Ein Dorfjunge wie jeder andere hier in Rimbach im Odenwald. Er ist im 2. Weltkrieg aufgewachsen. Immer mal wieder ertönte der Heulton des Fliegeralarms und alle Dorfbewohner mussten sich in die ausgewiesenen Luftschutzkeller retten.

März 1945. Ein Tag, Ende März, an dem das Kriegsende nahte. Ein Alarmruf tönte. Man sollte sich im Luftschutzkeller im gegenüberliegenden Bauernhofverstecken. Gerhard rannte mit seiner Familie, seiner kleiner Schwester Margot, Mutter Betty und Großmutter Bawette (Barbara), rüber.

Die ganze Nachbarschaft hatte sich im Schutzkeller versammelt. Da hockten sie nun alle. Frauen, Kinder und Alte. Alle die, die nicht an die Front gegangen waren. Die Nachricht, dass die Amerikaner kommen würden, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Von allen Seiten her marschierten die Alliierten in Deutschland ein. Die Amerikaner näherten sich Rimbach vom Rhein bei Oppenheim kommend. Darmstadt und Bensheim wurden eingenommen. Eine kleine Einheit amerikanischer Soldaten setzt sich ab, um die Städte und Dörfer nach versteckten deutschen Soldaten zu durchsuchen. Sie gehen zu zweit von Haus zu Haus. Wenn keiner öffnet, treten sie die Haustür auf.

Einmarsch der Amerikanischer in Bensheim, 27. März 1945

Gerhard kletterte auf eine Kiste, um aus dem Kellerfenster des Schutzkellers auf die Straße blicken zu können. Er beobachtet, wie genau gegenüber zwei amerikanische Soldaten die Treppenstufen des gegenüberliegenden Hauses hochstapfen.

Ein Nachbar, der auch am Kellerfenster hing, rief: « Bawette, alleweil gäin se on doi Dor ». Großmutter Bawette hastet aus dem Schutzkeller, die Treppe hoch, wild gestikulierend über die Straße. Was Gerhard dann sah, ließ ihm förmlich die Kinnlade herunterfallen. Als die zwei bewaffneten Soldaten anschickten die Haustür aufzubrechen, schrie Großmutter Bawette die beiden an und fuchtelte wild mit den Händen. Mein Vater konnte nicht verstehen, was sie schrie. Die Auswirkung war allerdings, dass beide Soldaten plötzlich „Haltung annahmen“ und „stramm standen“.

Die resolute Bawette

Großmutter Bawette hatte nie viel über ihre Vergangenheit gesprochen. Sie wanderte 1912 aus Deutschland aus, um ihrem Ehemann Philipp nach USA zu folgen. Philipp lernte sie ein Jahr zuvor in Rimbach kennen. Er besuchte nach mehr als 20 Jahren USA seine alte Heimat in Rimbach. Mit seiner funkelnden, dunkelblauen Kavallerie-Uniform musste er umwerfend ausgesehen haben. Sie heiraten. Bawette begleitet ihn zurück in die USA.

Bawette (Barbara) und Philipp, 1911

Mit diesen beiden, Bawette und Philipp, beginnt meine Ahnengeschichte in Amerika. Mein Urgroßvater Philipp war als Kavallerist im US-Bundesstaat Georgia im Fort Oglethorp stationiert. Er kehrte 1888 im zarten Alter von 18 Jahren dem deutschen Kaiserreich den Rücken zu und wanderte in die USA aus. Er legte den Grundstein für die Deutsch-Amerikanische Verbindung unserer Familie. Einige Jahre nach seiner Einreise in New York meldete er sich freiwillig zum Militäreinsatz, zog in den Philippinisch-Amerikanischen Krieg und erhielt im Gegenzug die amerikanische Staatsbürgerschaft. In Rimbach war die ganze Sippschaft als die ‚Amerganisch‘ bekannt.

Top-Seargent Philipp, Bawette und Kids,
Fort Oglethorpe, Georgia, Dezember 1914

Ab 1912 lebten Philipp und Bawette fast 10 Jahre im Fort Oglethorp in Georgia. 1921 kamen sie samt Kindern zurück nach Deutschland. Wie es dazu kam, würde hier den Rahmen sprengen. Von Bedeutung ist hier nur, dass Großmutter Bawette nach fast 10 Jahren in einem Militär-Fort das raue Leben als Kavalleristen-Angetraute kannte. Sie sprach fließend Amerikanisch und wusste sehr genau um die Gepflogenheiten der Militärsprache. Wir können nur erahnen, was Bawette den beiden Soldaten zu rief. Ich bin sicher, dass mein Vater nicht der Einzige im Schutzkeller war, den diese Szene an der Haustür mit offenem Mund hinterließ.

In den folgenden Wochen nisteten sich die amerikanischen Soldaten im Rimbacher Dorf-Gasthaus ein. Weitere Soldaten folgten. Der amerikanische Offizier, der der kleinen Militäreinheit vorstand, hatte sogleich seine Chancen in Bawette’s Herkunft erkannt. Fortan übernahm Bawette gewissermaßen die Heeresführung der Gasthausküche und sorgte für das leibliche Wohl der Mannschaft. Während der einfache Dosen-Proviant und die trockene Armee-Verpflegung kistenweise im Haus meiner Urgroßmutter lagerten, schleppten die Soldaten erlegtes Wild an. Bawette verwandelte deutsches Wildschwein und Rothirsch in schmackhafte amerikanische Südstaatenküche.

Das Blatt wendet sich

Seit der Hitlerzeit hatte sich einiges im Dorf verändert. Mein Vater kann sich noch gut erinnern, wie er die größeren Jungs um ihre Uniform der Hitlerjugend beneidete. Sie marschierten mit ihren Trommeln durchs Dorf und machten mächtig Eindruck auf ihn. Er war zu jung, um dabei sein zu dürfen. Also vertrieben er und seine Schulkameraden sich die Zeit mit Kriegsspielen, Raufereien und kleinen Machtkämpfen unter Dorfburschen. Er erinnert sich noch gut, dass er oftmals den Kürzeren zog und „Prügel einstecken“ musste.

Einige Dorfbewohner, insbesondere die jüdische Bevölkerung hatte unter den Repressalien der aufstrebenden Nazi-Zeit zu leiden. Aber auch mein amerikanischer Urgroßvater Philipp war widerspenstig und sprach sich offen gegen Hitler aus. Bei seiner Beerdigung 1936 erinnert sich eine Zeitzeugin: Die Ehrengarde des amerikanischen Konsulates kam nach Rimbach, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Salutschüsse wurden abgegeben, die US-Flagge, die auf dem Sarg lag, wurde traditionell gefaltet und der Witwe Bawette überreicht. Einer der Trauergäste, ein Dorfpolizist sagte zu Bawette: „Sei froh, dass er gestorben ist, denn wir hatten Auftrag ihn ins KZ abzuschieben“.

Aufzeichnungen meiner Großmutter Betty. Erinnerungen an Philipp

Seit dem Tag, an dem die zwei Soldaten meiner Urgroßmutter Bawette in die Parade liefen, wendete sich das Blatt. Auch für meinen Vater. Die kleine Familie, die wie viele anderen auch, aus Frauen und Kindern bestanden, befand sich im Aufschwung. Sie genossen den Schutz der amerikanischen Besatzungsmacht, hatten Zugang zu Nahrungsmitteln und anderen Gebrauchsgütern, die nach Kriegsende rar waren.

Bisher schlugen sie sich so durch. Bawette hatte zwar Anspruch auf eine amerikanische Witwenrente. Diese wurde aber mit Kriegseintritt der USA nicht mehr nach Deutschland ausbezahlt. Gerhards’ Mutter Betty, meine Großmutter, verdingte sich als Haushaltshilfe oder Näherin. Der eigentliche Ernährer der Familie, mein Großvater Fritz, der bisher noch nicht zur Sprache kam, war an der Front und wurde zu diesem Zeitpunkt vermisst. Wie so viele Männer befand er sich in Kriegsgefangenschaft. Die Frauen mussten zusehen, wie sie sich und ihre Kinder durchbrachten.

Bawette, aus dem Ahnenbuch der Familie Altendorf entnommen

Die Kriegsverpflegung und Vorräte, die die Amerikaner mitgebracht hatten, wurden von Bawette’s Haus aus an die Dorfbevölkerung verteilt. Der Umstand, dass all die Kisten im Wohnhaus meines Vaters lagerten, sollte ihm zum Vorteil gereichen. Neben dem Dosenfleisch, waren Kaugummis beliebte Tauschmittel. Bananen, Orangen, Schokolade machten ihn in seinen jungen Jahren zu einem erfolgreichen Schwarzmarkt-Großhändler von Spielzeug im Dorf. Sein Beliebtheitsgrad stieg proportional zur Attraktivität der Tauschartikel an. So konnte der ‚amerganisch‘ Gerhard manches Spielgerät erwerben, von dem er vorher nur träumte.

Meine ‚amerganisch’ Großmutter Betty mit Gerhard und seiner Schwester Margot,
ca. 1946

Ungefähr 10 Jahre später, mein Vater ist gerade 18 Jahre alt, erreicht ihn ein Brief aus dem Pentagon, USA. Damit beginnt eine weitere Episode dieser abenteuerlichen Lebensgeschichte.

7 Kommentare zu „Week #18“

    1. Das ist die Stelle, die d en Rahmen sprengte… vielleicht magst du deine Frage auf Facebook im Kommentarfeld stellen? Dann bekommt der Artikel nochmal Aufmerksamkeit…

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  1. Nicht aufhören bitte…Bitte ich muss noch wissen, wie Oma Betty nach USA kam, bzw wieder nach Deutschland. Den Brief konnte ich gut lesen, war der von Oma Betty?

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