Week #14

Zweite Etappe: Florida

Aloha Adé

Man könnte meinen, dass nach einem Hawai’i Aufenthalt eine kalte Dusche eine erfrischende Sache ist. Ich habe den Wechsel von Hawai’i nach Florida eher als unwillkommene Abkühlung erlebt. Nicht nur wegen der deutlich niedrigeren Temperaturen, die mir nach Ankunft entgegen schlugen. Sonderbarerweise fehlte etwas: Die gewohnte Aloha-Atmosphäre.

Sonnenaufgang Flughafen Dallas Fort Worth, Texas

Mein Flug nach Florida ging über Dallas. Während des Fluges habe ich meine hawaiianische Lieblingsmusik gehört (Ülili E, Vocal Duet with David Kamakahi) und habe die schönen Erinnerungen der letzten drei Monate an meinem inneren Auge vorbeiziehen lassen. So „angewärmt“ betrat ich den Boden von US Mainland,Florida. Aufgeladen mit Aloha und ‚totally relaxed‘ trat ich meinen Weg zu meinen Eltern an.

In der Warteschlange am Airport Shuttle habe ich darauf gewartet, dass mir jemand Hilfe mit meinem Gepäck aufdrängt, am Car Rental Schalter freundlich herbeiwinkt, oder dass die anderen Autofahrer mich zuvorkommend vorlassen, egal ob die Regeln es erlauben oder nicht. Nichts dergleichen. Jede/r ist mit sich selbst beschäftigt, auf das Eigene fokussiert und ganz offenbar sich selbst der Nächste.

Der Umgang hier erschien mir wie eine kalte Dusche. „Warum ist hier alles so unfreundlich, hektisch und egoistisch?“

Die ersten Tage war mir etwas kalt ums Herz, ohne dass ich sagen könnte, dass irgendjemand unfreundlich zu mir gewesen wäre. Es war einfach der emotionale Temperatursprung, den ich verarbeiten musste.

Meine Elternzeit

Kaum sind die Kinder aus dem Gröbsten raus, da kommen die eigenen Eltern dran…, so oder so ähnlich höre ich manche meines Alters reden. Und so stimmt es ja auch ganz oft. Hört man auf, sich um die Kinder zu kümmern, weil sie groß und selbständig geworden sind, sind oft die eigenen Eltern pflege- oder zumindest sorgebedürftig.

Darf ich vorstellen: Meine Eltern

Diese zweite Reiseetappe ist meinen Eltern gewidmet. Es ist „meine Elternzeit“. Seit über 22 Jahren leben sie in Florida. Zunächst in einem kleinen Reihenhäuschen an der Ostküste mit direktem Zugang zum Beach. Seit einem halben Jahr wohnen sie in einem kleinen Apartment in einer „Senioren-Residence“, wenige Meilen entfernt vom Meer.

Es ist viel zu tun im Hause Krebs. Der Einzug in die neue Wohnung und die Renovierungsarbeiten schleppen sich dahin. Wenn meine Eltern neues Eigentum erstehen, dann heißt das schon immer: Alles muss neu gemacht werden. Alte Wände raus, Möblierung raus, alte Küche raus, neue rein. Alte Bäder raus, neue rein. Mein Vater ignoriert einfach sein Alter und arbeitete beharrlich. Tag um Tag. Nahezu alles wollen sie selbst machen. So war das schon immer!

Blöderweise spielte das Herz meines Vaters nicht so mit. Er musste die Arbeiten unterbrechen. Eine Zwangspause einlegen. Das Schlimmste, was man diesem Mann antun kann.

Unermüdlich…

Also nichts einfacher, als hier zu unterstützen. Wir schrauben gemeinsam Möbel zusammen, kaufen ein, kochen. Ich dränge beiden eine Pause im beheizten Pool auf oder insistiere, bis wir einen Nachmittag zum Strand gehen. Seit fast einem Jahr waren sie nicht mehr dort.


Seit längerem hatten sie das Mantra „Work, Eat, Sleep“. Ich versuche mich gerade an der Umprogrammierung auf:

Work, Relax, Enjoy!

Without Work this wouldn’t Work… 😉

Wir sehen uns meist nur einmal pro Jahr, hin und wieder telefonieren wir. Bisher war das ok. Sie sind älter geworden – logisch. Langsamer. Hören schlechter. Die Knochen tun hier und da weh. Meine Mutter ist mit 76 ziemlich fit. Mein Vater mit 82 erlebt sein „Revival“ dank eines Herzschrittmachers, den er vor 8 Wochen bekommen hat.

Vielleicht fällt das hier nur mir auf, denn sie befinden sich in guter Gesellschaft. Hier in der „Vista Pines“-Residence darf man erst Eigentum erwerben, wenn man 55+ ist. Die Anlage ist so groß, dass ich mit dem Fahrrad 5-6 Minuten brauche, um einmal rund zu fahren. Wo ich hinschaue, alte Menschen. Mal mehr, mal weniger fit. Mit und ohne Gehrädchen. Wer nicht mehr laufen kann, fährt mit dem Wagen zum Pool oder Clubhouse. Wenn ich mit dem Badetuch über der Schulter zum Pool laufe, komme ich mir vor wie ein ‚Jung-Spunt‘. Aus dieser Perspektive betrachtet, fühlte ich mich nie jünger als jetzt.

Gottes Wartezimmer

Insbesondere gut gestellte amerikanische Rentner leisten sich gerne entweder einen stetigen Wohnsitz hier im „Sunshine State“ oder ein Winter Domizil. Ein bekanntes und beliebtes Lebensmodell für’s Alter. Alles ist auf die Bedürfnisse der „Alten“ zugeschnitten, egal ob sie fit oder gebrechlich sind. Über 270 Golfplätze, tausende Tennisplätze, beheizte Pools in nahezu jeder Wohnanlage. Breite Straßen, langsames Fahren und große Parkplätze. Segelboote haben oft einen eigenen Steg zum Häuschen am Wasser. Oder man parkt das gute Stück im Club-Hafen unter Seinesgleichen.

Altersgerechte Wohnkonzepte im „Economy, Premium und First Class“ – Niveau. Je nachdem, was der Geldbeutel erlaubt. Ärzte und Kliniken für jedes Wehwehchen, Massage-Praxen und Therapie-Center, wo das Auge nur hinschaut.

Sarkastische Zungen sagen: „Florida is God’s Waiting Room“

Das warme Klima, die Sonne und die zarte ‚Breeze‘ in Meeresnähe, tragen ihren Teil zum „eleganten Koma mit viel Ruhe und Bequemlichkeit“ bei. Das Zitat ist von Iggy Pop, der amerikanischen Punk-Rock Legende. Mit jetzt 72 Jahren lebt er in Miami. So lässt sich komfortabel altern! Bis der Tot sie scheidet.

Mein Vater will hier in USA beerdigt werden. Er ist die dritte Generation in unserer Familie mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, seit mein Urgroßvater Phillip sich im zarten Alter von 18 Jahren auf den Weg ins gelobte Land machte. Dieses Erbe möchte mein Vater ehren.

Meine Mutter denkt gar nicht daran zu sterben. Sie trotzt dem Zahn der Zeit mit Energie und Schaffenskraft. Sie genießt ihre Routinen, ist ‚always busy‘ mit Einrichtungs- und Gestaltungsfragen im neuen Apartment und hält meinen Vater auf Trapp.

Ich bin neugierig, was die Zwei zu erzählen haben. Will die Zeit nutzen, mehr über sie und ggf. über mich zuerfahren. Let’s see!

3 Kommentare zu „Week #14“

  1. Ich wünsche dir mit deinen Eltern eine richtig schöne Zeit, toll, dass ihr euch erleben könnt! Frohe Weihnachten nach Florida, liebe Patricia – vermisse gerade deine unglaublichen Weihnachtsplätzchen….

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    1. Haha… stimmt, Plätzchen backen vermisse ich auch gerade. Nächstes Jahr wieder. Garantiert! Könnte auch einen Plätzchenbackblog in die Welt setzen… hahaha… euch auch schöne Weihnachten!

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  2. Was für tolle Bilder ❤
    Wir sind in Schweden, genießen die unendlich Ruhe und kümmern uns um Gabys Eltern.
    Ich kann Dich sooooo gut verstehen. Gib Deinen Eltern ein dicken fetten Hug von mir & für Dich ❤

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