
Die fitten Rentner von Hawai‘i
Hier auf Hawai’i lebe ich das Leben eines typischen, fitten hawaiianischen Frührentners. Die meisten derer, die ich hier kennen gelernt habe, frönen bereits zwischen 50 und 55 Jahren dem ‚Retirement‘. Das gelingt deshalb, weil sie entweder beim Militär gedient haben, im Schul- oder Universitätsdienst unterwegs waren oder sich als selbstständige Ärzte oder Anwälte verdingt haben.

Die beiden im Titelbild haben mich zu dieser Story inspiriert! Die Kinder sind groß und aus dem Haus. Beide haben für die Coast Guard gearbeitet. Das erfordert ein hohes persönliches und privates Investment. Schichtdienst, Fitnesstests, Weiterbildung, Bereitschaft häufiger den Wohnort und damit den Lebensmittelpunkt zu wechseln. Nach 30 Jahren Dienstzeit und mit bereits 50 Jahren sind sie verrentet und erhalten eine monatliche Pension vom Staat.
Die beiden sind eher die Ausnahme in den USA. Diese „Ausnahmen“ allerdings scheinen sich auf Hawai’i zu versammeln. Der durchschnittliche Amerikaner geht mit 66 Jahren in Rente. Mit 260 Stunden mehr Arbeitszeit pro Jahr als der durchschnittliche Europäer und einem Urlaubsanspruch von meist nur 5-10 Tagen pro Jahr hat sich unser Durchschnitts-Amerikaner die Rente und Rentenleistungen mindestens genauso verdient wie wir. Das amerikanische Rentensystem krankt an den gleichen Dynamiken wie unser Deutsches! Wer hier das Rentenalter genießen will und nicht zufälligerweise für Staat oder Militär gearbeitet hat, muss rechtzeitig an private Rücklagen denken.

Die fitten Rentner von Hawai’i sind körperlich und geistig fit. Sie treiben regelmäßig Sport. Sie vertreiben sich die Zeit mit Wind-Surfen und genießen ihren Freiraum. Sie sind aufgeschlossen, haben die Ruhe weg und lassen es sich einfach gut gehen. Eine sehr, sehr verführerische Vorstellung, die es mir tatsächlich leichter macht, mit Wohlwollen und sogar einem Hauch von Vorfreude auf meine „übernächste“ Lebensphahse zu blicken!

Ich will mitspielen, also unterwerfe ich mich diese Woche einem strammen Programm:
- Sonntag: 07:30 – 11:00 Uhr Radtour mit eingebauter Pearl Harbor History Lesson mit John
- Montag: 07:30 – 8:30 Uhr Open Water Swim to Flat Island mit den Kailua Master Swim Club
- Dienstag: 09:00 – 12:00 Uhr Hiking mit George über den Wiliwilinui Ridge Trail
- Mittwoch: 07:30 – 09:30 Uhr Paddling Practise im Ocean mit Jake
- Donnerstag: 07:30 – 11:30 Uhr Bike Tour mit Thursday Kailua Brunch Riders
- Freitag: Ruhetag – Massage bei Ben und ‚Recovery‘
- Samstag: 07:30 – 9:00 Uhr Diving mit Scott am „Horse Shoe Reef“
Den Rest der Zeit verbringt man am Strand, zuhause, trifft sich mit Freunden und überlegt, was es leckeres zum Essen geben könnte. So oder so ähnlich ist das normal im hawaiianischen Rentner-Dasein. Falls sich das Älter werden oder alt sein „so“ darstellt, dann bin ich nicht wirklich unzufrieden.
Der einzige, der nach unserem Verständnis schon längst seine Rente genießen dürfte ist George. Mit 71 Jahren arbeitet er als selbstständiger Consultant. Manchmal, wenn er Ärger mit Kunden hat oder die Aufträge extrem unangenehm sind, dann fragt er sich, warum er das eigentlich noch tut. Nötig hätte er es nicht. Ich frage ihn, ob er nicht langsam weniger Energie hat. „I feel like I just came out of college!“, er lächelt und zuckt mit den Schultern.

Seid ihr auch schon in der FDA-Phase?
Diese Woche habe ich einen Video-Clip von Maren Kroymann gesehen und mich fast schlapp gelacht: Die FDA-Phase! Das ist der Lebensabschnitt, in dem alle Komplimente mit einem „für dein Alter“ versehen werden. „You are in good shape – for your age!“ sagte tatsächlich ein Typ am Strand zu mir. Und war es nicht Trump, der zu Brigitte Marie-Claude Macron sagte: „She’s in such a good shape!“ und meinte damit ‚für ihr Alter‘! In der politischen Öffentlichkeit galt das als Beleidigung!
In der Tat bin ich noch nicht ganz entschlossen, als was ich es einordnen soll. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu viel Zeit habe, über mein Leben nachzudenken? Mich beschäftigt das Älter werden! Ich mag es nicht! Wenn die Bäckchen (damit meine ich ALLE Bäckchen) erschlaffen und die Haut runzelig wird. Kraft und Ausdauer sich davonschleichen. Knochen und Gelenke schmerzen. Der Rücken lahmt. Die Erholungszeit nach egal welchen Aktivitäten, sich nahezu vervierfacht. Das Haar grau wird. Und das, was ich gerade rein körperlich wahrnehme, ist ja nur der Anfang! Ojee… wie soll das nur weitergehen?

Ich teile meine komödiantische Entdeckung mit meinem Cycling-Freunden: „Do you know the FYA-Phase?”. Sie runzeln die Stirn. “It’s the stage in your life, when every compliment ends with a ‘for your age’-phrase!” Gelächter und heftiges Kopfnicken folgen und jeder kennt es. Die erste Reaktion von George war:
“If people start mentioning the FYA-Phrase you’re already on the top! From then on it goes down…“
Widerstand ist sowieso zwecklos! Also gebe ich mich dem Lauf der Dinge hin. Den besten Rat, den ich mir selbst geben kann, ist die Zeit mit mir und anderen zu genießen. Der Blick in den Spiegel, das Keuchen beim bergauf radeln, das Erschlaffen der Haut. All das fordert mir eine gehörige Portion Selbstironie und etwas Humor ab. Ich höre die Leute schon sagen: „Du hast ja gut Lachen – für dein Alter!“ Stimmt ja auch!


















